Das Modell Berliner Winter

Ab diesem Donnerstag finden die 72. Internationalen Filmfestspiele Berlin als Präsenzveranstaltung statt. Für die einen ein Grund zu feiern, für die anderen ein Anlass, die Relevanz solcher Festivals infrage zu stellen

  • Von Bahareh Ebrahimi
  • Lesedauer: 6 Min.

Sie nennen es das »2G-plus-Maske-plus-Test-Modell«. Das Modell, das Sicherheit für die Berlinale-Besucher*innen gewährleisten soll. Denn ab diesem Donnerstag finden die 72. Internationalen Filmfestspiele Berlin als Präsenzveranstaltung statt. Für die einen ein Grund zu feiern, für die anderen ein Anlass, die Relevanz solcher Festivals infrage zu stellen.

»Das Format des Festivals wurde an die Pandemielage angepasst«, heißt es auf der Webseite der Berlinale. Das Fest findet nun in verkürzter Form statt: Vom 10. bis 16. Februar laufen die Premieren. Die Preisverleihung ist bereits am Abend des 16. Februar. Und vom 17. bis zum 20. Februar gibt es zusätzliche Wiederholungsvorführungen. Zudem wurde das erwähnte Sicherheitsmodell erarbeitet.

Die Befürworter*innen argumentieren vor allem, dass es momentan auch ein normales Kino-Angebot in Berlin unter sogenannter 2G-plus-Regel gebe. Nur vergessen sie dabei, dass bei einem lokalen Kinobesuch die Menschen nicht erst aus der halben Welt in die deutsche Hauptstadt reisen müssen, um sich einen Film anzuschauen. Bei der Berlinale hingegen ist das der Fall. Und daran wurde sogar dann noch festgehalten, nachdem der Berliner Senat die Präsenzpflicht an den Schulen wegen der Corona-Infektionslage erst einmal bis zum 28. Februar ausgesetzt hatte.

Auch wird argumentiert, dass allein die Durchführung des Festivals ein Signal sei. Das Filmfest sei weit über das Kino hinaus ein wichtiges Zeichen an eine Branche, die sehr unter der Pandemie leide, so Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne). »Genau jetzt, geraden in Zeiten der Krise, in Zeiten der Pandemie brauchen wir Kunst und Kultur, weil sie Grundnahrungsmittel sind für unsere Seelen und für unsere Demokratie.«

Dass es wichtig ist, Kunst und Kultur insbesondere in solch einer Pandemie zu unterstützen und stattfinden zu lassen, steht außer Frage. Auch dass es die Möglichkeit geben soll, Filme im Kino zu sehen, ist unbestritten. Aber sind Unterstützung und ein Zeichensetzen nur mit einer reinen Präsenzveranstaltung möglich? Es ist zu fragen, warum ein großes Festival wie die Berlinale daran scheitert, neben der Präsenz- auch ein angemessenes Online-Angebot zu unterbreiten. Damit jene Menschen, die wegen Omikron nicht reisen können oder die aus anderen wichtigen Gründen nicht am Präsenzfestival teilnehmen können, nicht von den »Grundnahrungsmitteln« ausgeschlossen bleiben.

Dass es machbar ist, die Filmrechte so zu klären, dass sowohl eine Online-Premiere als auch weitere Filmverwertungen möglich sind, haben viele innovative Festivals seit Beginn der Pandemie bewiesen. Allen voran das US-Festival Sundance, das vor Kurzem gezeigt hat, dass Produktionsfirmen die Weltpremiere ihrer Filme doch online auf einem Festival feiern lassen (einige dieser Titel werden nun weiter, etwa auf der Berlinale im Wettbewerb oder in der Sektion Panorama, laufen).

Es gibt auch hiesige Festivals, die verschiedene Lösungen für eine wirtschaftlich tragbare Zusammenarbeit mit dem Filmmarkt vorgesehen haben: »Aus Rücksicht auf die zukünftige Verwertbarkeit der Filme gibt es für jedes Filmprogramm nur eine begrenzte Anzahl an Kino- und Streaming-Tickets«, erklärte beispielsweise das Filmfestival Max Ophüls Preis, das im Januar hybrid stattgefunden hat.

Doch die Berlinale schaffte es nicht einmal, für die Berichterstatter*innen ein digitales Angebot zu realisieren - oder es kam gar nicht infrage. Also wurde halt das »2G-plus-Maske-plus-Test-Modell« erdacht, das den Zugang zu allen Pressevorführungen, -konferenzen und Interviewräumen nur mit einem aktuellen Antigen-Testnachweis gestattet. Und dies gilt auch für Personen mit Booster-Impfung. »Da die Presseakkreditierten eine höhere Bewegungsfrequenz haben und dadurch mehr Kontakt, wurde diese Regelung getroffen, um Ihren Schutz zu erhöhen«, heißt es in einer Pressemitteilung der Berlinale.

Da den Organisator*innen offenbar klar ist, dass Journalist*innen wegen ihrer Arbeit mehr Kontakte haben und sie mobiler sind als andere, von daher also stärker gefährdet, sollte man ihnen doch die Möglichkeit geben, gerade diese »höhere Bewegungsfrequenz« und die Gefahr zu reduzieren. Doch die Festivalleitung beharrt darauf, dass die Filmkritiker*innen nach Berlin reisen müssen, während die Sieben-Tage-Inzidenz in dieser Stadt bei 1564 liegt (Stand 9. Februar). Dass auch Geboosterte bei einer Infektion mit der Omikron-Variante einen schweren Krankheitsverlauf haben können und dass die Tests erst ab einer bestimmten Viruslast zuverlässig sind, ist inzwischen bekannt.

Der Umgang der Berlinale mit der Presse ist ohnehin fragwürdig. Vor allem seit dem März 2021, als bei dem sogenannten »Industry Event«, der rein digital und nur für die Filmbranche stattfand, auch der Presse ein Online-Zugang zu den Filmen ermöglicht wurde, obwohl das Publikum ausgeschlossen war, für das die Presse eigentlich berichten sollte. Aber da war es kein Problem, Journalist*innen ein digitales Angebot zu machen, damit sie schön für die Filmindustrie Werbung machen konnten.

Nun aber, im Omikron-Höhepunkt, verweigert die Berlinale den Film-Kritiker*innen einen digitalen Zugang. Wir reden dabei nicht etwa über eine Privatperson in Berlin, die sich vielleicht zwei oder drei Filme auf dem Festival anschauen würde. Diese Person kann für sich entscheiden, ob sie trotz der aktuellen Pandemielage doch ins Kino geht oder lieber nicht. Wir reden über diejenigen, deren Arbeit Berichterstattung ist. Sie müssen möglichst viele Filme sehen können.

Die Journalistin Anna Wollner hat es in einem RBB-Kommentar auf den Punkt gebracht: »Als Journalist*in auf die Berlinale zu gehen, ist wie Russisch Roulette spielen. Die Kolleg*innen, die am letzten Tag noch einen negativen Test vorweisen können, sollten mit einem Ehrenbären ausgezeichnet werden. Ja, das Kino und die Kultur brauchen starke Zeichen. Aber kein Film, vor allem kein Filmfestival der Welt ist es wert, die eigene Gesundheit und die der anderen leichtfertig aufs Spiel zu setzen.«

Ein hybrides Format ermöglicht beides: die Unterstützung von Kinos und die Ausweitung des Publikums. Für diejenigen, die auf die große Leinwand Wert legen, für jene, die die Möglichkeit haben, nach Berlin zu reisen oder für das lokale Publikum, auch für jene, für die die Pandemie schlicht keine Rolle spielt, sollte es Präsenzveranstaltungen geben. Daneben jedoch auch ein digitales Angebot für die Menschen, denen ihre Gesundheit wichtiger ist als das leibhaftige Kinoerlebnis, für all jene, die auch ohne Pandemie bei solchen Festivals aus unterschiedlichen Gründen ausgegrenzt werden - seien es finanzielle Hürden, körperliche Beeinträchtigungen, fehlende Kinderbetreuung oder rein politische Hindernisse.

So etwas ist natürlich nur dann möglich, wenn eine hybride Veranstaltung nicht nur als Notlösung, sondern als eine Chance - auch für die Zukunft - gesehen wird. Und wenn man die Marktregeln nicht wie den Berliner Winter betrachtet und behauptet: »Das ist nun mal so.« Das heißt: Auch die Filmbranche und deren Geschäftsmodelle sind veränderbar und können angepasst werden.

Doch es besteht grundsätzlich ein großer Widerwillen, Menschen überhaupt Optionen zu geben. Das ist bei fast jeder alten Struktur so - gleich, ob es Arbeitsregelungen betrifft oder ein Filmfestival: Wenn etwas jahrzehntelang als normal hingenommen wurde, soll es am besten immer so weitergehen.

Wenn ausgerechnet die Berlinale, die als ein politisches Festival bekannt ist, nicht einmal während solch einer Pandemie in der Lage ist, das alte Format zu überdenken, das sich nun eher als elitär, konservativ, diskriminierend und nicht mehr relevant entpuppt hat, dann fragt man sich: Was soll noch passieren, damit die alten Strukturen über Bord geworfen werden?

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