• Kultur
  • Abschluss der Berlinale 2022

Weniger ist mehr?

Die 72. Berlinale hat die Bären schon verliehen. Aber das Festival geht noch bis zum Wochenende für das Publikum weiter

  • Gunnar Decker
  • Lesedauer: 6 Min.
Der Goldene Bär für den Besten Film ging an »Alcarràs« von Carla Simón über eine katalanische Familie, die eine Pfirsich-Plantage betreibt.
Der Goldene Bär für den Besten Film ging an »Alcarràs« von Carla Simón über eine katalanische Familie, die eine Pfirsich-Plantage betreibt.

Diese 72. Berlinale stand zweifellos auf der Kippe. Im vergangenen Jahr gab es nur eine vom Winter in den Sommer verschobene Alibi-Berlinale mit einigen Filmen im Freiluftkino. Im Wiederholungsfall wäre das dann schon fast das Aus für die um ihren Status als A-Festival kämpfenden Filmfestspiele gewesen - so wie die dreimal hintereinander erfolgte Absage der Leipziger Buchmesse nun die Existenz des Messestandorts Leipzig gefährdet.

Gewinner*innen der Berlinale 2022

Wettbewerb

Goldener Bär für den Besten Film: »Alcarràs« von Carla Simón
Silberner Bär Großer Preis der Jury: »So-seol-ga-ui yeong-hwa« von Hong Sangsoo
Silberner Bär Preis der Jury: »Robe of Gems« von Natalia López Gallardo
Silberner Bär für die Beste Regie: Claire Denis für »Avec amour et acharnement«
Silberner Bär für die Beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle: Meltem Kaptan in »Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush« von Andreas Dresen
Silberner Bär für die Beste schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle: Laura Basuki in »Nana« von Kamila Andini
Silberner Bär für das Beste Drehbuch: Laila Stieler für »Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush« von Andreas Dresen
Silberner Bär für eine Herausragende künstlerische Leistung: Rithy Panh und Sarit Mang für »Everything Will Be Ok« von Rithy Panh
Lobende Erwähnung: »Drii Winter« von Michael Koch


Encounters


Bester Film: »Mutzenbacher« von Ruth Beckermann
Beste Regie: Cyril Schäublin für »Unrueh«
Spezialpreis der Jury: Mitra Farahani für »À vendredi, Robinson«

Insofern muss man Kulturstaatssekretärin Claudia Roth und der Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey durchaus dankbar sein, dass sie so beharrlich an einer Präsenzveranstaltung festhielten, während die Corona-Inzidenzen gerade in Berlin immer neue Höchststände erreichten. Böse Zungen behaupten zwar, sie hätten es vor allem getan, um selbst vor den Kameras ihren Auftritt auf dem roten Teppich zu haben - aber egal, es war mutig, dieses Zeichen für gelebte Kunst gerade in schwieriger Zeit zu setzen.

Obwohl sich die Filmjournalisten mit Hygienevorschriften konfrontiert sahen, als handele es sich nicht um ein Festival, sondern um eine Intensivstation. Manche blieben gleich ganz weg und ersparten sich den täglichen Coronatest (trotz Dreifachimpfung), der mit der ziemlich diskriminierenden Begründung gefordert wurde, Journalisten würden ja bekanntlich überall herumlaufen und viel mehr Menschen treffen als Normalbesucher, von denen bei gleichem Impfstatus kein Extratest gefordert wurde.

Doch falsch: Auf dieser Berlinale lief man gar nicht einfach so herum, der Bewegungsraum war stark eingeschränkt; zu jedem Film musste man sich als Akkreditierter vorab aufwendig online seinen festen Platz buchen, sogar extra noch einen zu den anschließenden Pressekonferenzen. Etwas zu viel an Aufwand und Reglementierung. Zumal die Pressevorführungen auf ein halbes Dutzend kleiner Kinos verteilt wurden, die dann kaum zur Hälfte besetzt waren - das war schon fast wie online vorm heimischen Computer.

Durch die abrupte Verkürzung des Wettbewerbs von zehn auf sechs Tage bekam die Berlinale noch zusätzlich etwas von einer Notausgabe. Hauptsache, alles geht irgendwie schnell über die Bühne? Für das allgemeine Publikum bleibt sie zur Nachbetrachtung aber noch vier weitere Tage geöffnet.

Immerhin konnte man einige Filme sehen, die sich auf eine nicht vordergründige Weise mit der Art befassten, wie wir in dieser Welt zusammenleben - oft nicht friedlich. Profitstreben, abgezweckten Lügen, Kriegshetze und Ausgrenzung von Schwachen ausgesetzt, leben wir permanent im Krisenmodus. Die einen bekommen das nur stärker zu spüren als die anderen.

Gut an diesem Berlinale-Wettbewerb war, dass die internationale Jury sich nicht von der harschen Ablehnung von Andreas Dresens »Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush« durch einen Großteil der deutschen Presse beeindrucken ließ und dem Film gleich zwei Preise gab. Laila Stieler, seit Langem mit großartigen Drehbüchern präsent, bekam den Silbernen Bären für das Beste Drehbuch und Meltem Kaptan den Silbernen Bären für die beste schauspielerische Darstellung - ein Bär, der nun nicht mehr für Frauen und Männer getrennt vergeben wird, warum auch immer.

Doch für Meltem Kaptan darf man sich freuen - so souverän, so voller emphatischer Kraft spielt sie hier eine Bremer Mutter mit türkischen Wurzeln, die buchstäblich bis ans Ende der Welt geht, um für ihren in Guantanamo festgehaltenen Sohn Murat Kurnaz Gerechtigkeit zu fordern. Meltem Kaptan, die bislang nur in Comedy-Formaten im Fernsehen zu sehen war, gelingt so gleich in ihrer ersten Kino-Hauptrolle der Sprung nach ganz vorn. Vor allem wohl, weil ihr Selbstbewusstsein etwas so unverkrampft Freundliches hat. Bei ihrem Regisseur Andreas Dresen bedankt sie sich spontan so: »Du bist der beste Reiseleiter, den man sich vorstellen kann!«

Neu wird ein Silberner Bär für beste Nebendarsteller vergeben, auch dieser ging an eine Schauspielerin, Laura Basuki. Sie ist in »Nana«, einem elegischen Film aus Indonesien in der Regie von Kamila Andini, eine junge Frau, die die auf Gewohnheit basierende Beziehung der beiden Hauptfiguren stört: die neue Geliebte des Mannes. Aber Nana (ebenfalls sehr stark: Happy Salma), die während gewaltsamer Unruhen ihre Familie verlor und sich ihrem wohlhabenden Mann gegenüber ebenso dankbar zeigt, wie sie sich fremd in ihrer Rolle als dem Haushalt vorstehende Gattin fühlt, gelingt es, mit dieser Geliebten ein Verhältnis jenseits von Konkurrenz aufzubauen, bevor sie ihren Mann verlässt. Zwei Frauen, die wissen, dass sie mehr verbindet als trennt.

Ein besonderer Film auch durch die Macht der Erinnerung, die Nana nicht loswird - auch nicht loswerden will. Mit seiner traumwandlerisch sicheren Bildsprache, die den Zuschauer in eine ganz eigene Realität führt, war »Nana« für mich der eindrucksvollste Film des Wettbewerbs, gerade auch weil er in der Zeit des Militärputsches von General Suharto spielt, der wie ein fern drohendes Gewitter näher rückt.

Die Doppelspitze der Berlinale aus Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian agiert eher kühl, fast unscheinbar. Man kann das in Zeiten greller Selbstperformance sympathisch finden. Ob ihre neue Reihe, die sie Encounters (Begegnungen) nennen, mit eigener Jury und Preisen, eine gute Idee war, ist umstritten. Da macht sich der Berlinale-Wettbewerb unnötig selbst Konkurrenz!

Aber es stimmt schon, unterhalb der Wettbewerbsebene ist noch Raum für eine Art Film, der nicht mit bekannten Namen verbunden ist, nicht repräsentiert, sondern auf unorthodoxe Art Themen angeht. Ein schönes Beispiel dafür ist »Unrueh« von Cyril Schäublin über die industrielle Uhrenherstellung in der Schweiz im Jahre 1877. Dort fordert der Anarchist Kropotkin die Arbeiter auf, sich zu organisieren. Dieser Film über anarchistische Schweizer Uhrmacher bekam einen Encounters-Preis ebenso wie Ruth Beckermanns »Mutzenbacher« über den pornografischen Skandalroman von 1906, den sie von einem Chor aus 100 Männern lesen und kommentieren ließ.

Der Goldene Bär für den Besten Film ging an »Alcarràs« von Carla Simón über eine katalanische Familie, die eine Pfirsichplantage betreibt (wie auch die Familie der Regisseurin). Aber ihre Existenz ist bedroht, denn hier sollen nun statt der Bäume Solarpaneele hin. Neue Energietechnik kontra kleine Landwirtschaftsbetriebe - ein Zusammenprall, der in der Theorie keiner sein sollte, aber in der Praxis doch einer ist.

Überhaupt, eine Berlinale mit bemerkenswert vielen Filmen, die den Rückzug in Nischen behandeln, nicht nur wegen Corona, aber eben auch. Das Private, die Familie, die Kinder, Ehe und Liebe, Krankheit und Tod, werden offenbar anders zum Thema nach mehreren weltweiten Lockdowns. Politische Themen gab es durchaus, nicht nur bei Andreas Dresen - aber hier weniger direkt, als über den Umweg die Selbstbefragung Einzelner. Filmisch ist dieser verhaltene Gestus durchaus ein Gewinn.

Hollywood war auf dieser Berlinale übrigens gar nicht anwesend, wurde auch nicht vermisst. Eine Chance der Selbstbesinnung, die das europäische Kino, aber auch das asiatische durchaus zu nutzen vermochten.

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