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Bei der Generalversammlung der nd.Genossenschaft lernten sich die Mitglieder zum ersten Mal kennen – leider nur virtuell

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 6 Min.
Durften sogar lachen. Der Gründungsvorstand und Verlagsleiter Rouzbeh Taheri. (v.l.n.r. Georg Ramsperger, Rouzbeh Taheri, Ines Wallrodt, Matthias Ritter)
Durften sogar lachen. Der Gründungsvorstand und Verlagsleiter Rouzbeh Taheri. (v.l.n.r. Georg Ramsperger, Rouzbeh Taheri, Ines Wallrodt, Matthias Ritter)

Die erste Überraschung gab es am Samstagmorgen schon zu Beginn. Mit nur acht Minuten Verspätung wurde die Generalversammlung der nd.Genossenschaft, die online stattfand, eröffnet. Für eine linke Versammlung quasi gar keine Verspätung. Und auch mit der Technik funktionierte alles, sieht man von den bei Online-Versammlungen obligatorischen »Hört ihr mich?« und »Würdest du deine Kamera noch anschalten?« ab. Das und ein nerviges Echo-Problem begleiteten die nd-Genoss*innen durch den Tag.

Wolfgang Hübner, Mitglied der Redaktionsleitung des nd, und einer der Dienstältesten in der Zeitung, berichtete in seiner Begrüßung davon, wie es vor fast 37 Jahren war, als er beim nd angefangen hat. Die Zeitung sei ein »betonhartes Zentralorgan« gewesen, von den Diskussionen, die es in der Redaktion durchaus gab, habe es nichts in die Zeitung geschafft, nach außen habe es nur eine Meinung geben dürfen. Das hat sich zum Glück geändert. Heute habe das »nd« eine pluralistische Redaktion, in der es aber zugleich den Konsens gibt, nicht »nur Beobachter« zu sein, sondern »eine Stimme für soziale Gerechtigkeit, für Frieden, heute auch für Klimagerechtigkeit«. Im Angesicht des Ukraine-Kriegs und der Diskussionen, die in der deutschen Linken geführt werden, verwies Hübner auf die neue Debattenserie »Linke, Krieg und Frieden« im Blatt. Er hofft, Differenzen und Widersprüche können ausgehalten werden. Mit einer Haltung, in der jede*r denke, nur er oder sie selbst habe Recht, könne weder eine linke Partei noch eine linke Bewegung bestehen. Anmerkungen, die auch die Linke-Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch, als Vertreterin der früheren Gesellschafter des nd, in ihrem kurzen Grußwort aufnahm. Das »nd« sei eine Zeitung, der sich ihre Leser*innen oft besonders nah fühlten. Wie in einer Familie führe das zu besonders heftigen Diskussionen.

Nach den Worten fürs Herz der Genoss*innen wurde es bei der Generalversammlung schnell ernst. In erster Linie geht es schließlich um die wirtschaftliche Situation der Zeitung, die seit 1. Januar von der Genossenschaft herausgegeben wird. Darüber berichteten die Mitglieder des Gründungsvorstands, Ines Wallrodt und Georg Ramsperger, sowie der hauptamtliche Vorstand und Verlagsleiter Rouzbeh Taheri. Taheri, der seit Anfang Dezember beim »nd« ist und vielen als Sprecher der Kampagne »Deutsche Wohnen & Co enteignen« bekannt ist, fasste die vergangenen Monate zusammen: »Die Übergangszeit war von Improvisation geprägt.« Zeit für strategische Diskussionen habe es bislang wenig gegeben. Das nd sei ein »kompliziertes Unternehmen« mit vielen sehr unterschiedlichen Verträgen, vom Papierlieferanten bis zum Dienstleister für den Wetterbericht. Den Zustand der Zeitung beschrieb Taheri schnörkellos. Die Abo-Verluste der vergangenen Jahre haben sich auch 2020 fortgesetzt. Dem gegenüber steht ein Zuwachs der freiwilligen Zahlungen. Diese will er weiter steigern. Zusätzliche Probleme im laufenden Jahr bereiten die steigenden Druckkosten und die explodierenden Papierpreise. Letztere würden auch durch den Ukraine-Krieg getrieben, da viel Zeitungspapier in Osteuropa produziert wird. Eine gute Entwicklung ist für Taheri die von nd-Mitarbeiter*innen ohne eine Agentur entwickelte Werbekampagne, die bis Juli in Berlin, Hamburg und Leipzig auf U-Bahnhöfen und an Spätis zu sehen sein wird. Sie soll in erster auf das nd aufmerksam machen. Offenbar gelingt das: Taheri ist jedenfalls in seinem privaten Umfeld schon darauf angesprochen worden. Mehr Werbung, vor allem in den sozialen Medien, sei auch für die Zukunft geplant.

Nach dem Vorstandsbericht hatten erstmals die neuen nd-Genoss*innen das Wort. Und sie hatten Lust auf Beteiligung! So wurde etwa nachgefragt, ob es die Plakate auch zum selber ausdrucken gibt, um das »nd« über die drei Städte hinaus bekannter zu machen. Auch Share-Pics für die sozialen Medien wurden angeregt. Und eine ziemlich leidenschaftliche Satzungsänderungsdebatte erlebte die Generalversammlung. Ein Genosse hatte beantragt, beim Zweck der Genossenschaft einzufügen, dass diese die »sozialistische« Zeitung »nd« herausgibt und nicht nur die linkspluralistische. Beim Linkspluralismus gehe es doch mehr darum, wie die Zeitung arbeitet und wie Debatten geführt werden. Andere Genoss*innen wollten noch anfügen, dass sich das »nd« für Frieden und Klimagerechtigkeit einsetzt. Nach längeren Debatten, wie die Satzung geändert werden soll, musste der Vorstand allerdings einen Fehler einräumen. Denn der Antrag war den Mitgliedern im Vorfeld nicht bekannt gemacht worden, weshalb auch Änderungsanträge nicht vorbereitet werden konnten. Doch das hatte man versäumt. Jetzt über Änderungen abzustimmen, hätte keine Gültigkeit gehabt. Der Antrag wurde daher vertagt. Peinliche Panne. Doch die Genoss*innen reagierten gelassen. »Fehler passieren«, kommentierten mehrere im Chat.

Dann ging es noch um die Neubesetzung des Aufsichtsrats. Diesen hatten bisher Mitarbeiter*innen des »nd« interimsweise geführt. Die neun neuen Kandidierenden stammten allesamt nicht aus der Belegschaft, und die fünf neugewählten Aufsichtsrät*innen decken ein breites Spektrum ab. So wurde mit Gesa von Leesen eine Redakteurin der alternativen Wochenzeitung »Kontext« aus Stuttgart gewählt, die ihre Erfahrungen im selbstorganisierten Journalismus in die Arbeit der Genossenschaft einbringen will. Ein anderer neu gewählter Aufsichtsrat ist Torsten Weil. Der Staatssekretär im Thüringer Landwirtschaftsministerium will seinen finanztechnischen Background in die Genossenschaft einbringen. Das »nd« liest er, »seit ich bewusst Zeitungen lese, also sicher so seit 1978«.

Während die meisten Genoss*innen nach der Aufsichtsratswahl Feierabend hatten, ging es für die Mitarbeiter*innen des »nd« noch zu einer weiteren Versammlung, bei der ein neuer Vorstand für die Genossenschaft gewählt wurde. Fünf Kandidat*innen bewarben sich für drei Plätze im Vorstand. Gewählt wurden Birthe Berghöfer aus dem Online-Ressort, der die digitale Weiterentwicklung ein Anliegen ist und die einen Blick auf die Arbeitsbelastung der Mitarbeiter*innen haben möchte. Christof Meueler aus dem Feuilleton ist der Meinung, dass das nd »als linkes Projekt gerettet werden« muss. Die Zeitung sei »viel besser« als ihr Ruf. Leider sei es »bundesweit zu unsichtbar«, das will Meueler ändern. Die dritte Person im neuen Vorstand ist Ulrike Kumpe, die sich »für die Weiterentwicklung linker Debatten« einsetzen will. Das »nd« berichte mit eigenen Quellen, die es sonst nirgends gibt, über das Tagesgeschehen. Das will Kumpe stärken, um »den Leser*innen eine fundierte Meinungsbildung zu ermöglichen«.

In den kommenden Tagen werden sich der neue Vorstand und der Aufsichtsrat konstituieren. Im Sommer wird eine zweite Generalversammlung in diesem Jahr stattfinden, dort wird es um den Jahresabschluss der Genossenschaft für 2021 gehen und werden Satzungsänderungen möglich sein. Das Ganze dann in Präsenz und begleitet von einem sommerlichen Fest, so der Plan. Damit sich Genossinnen und Genossen auch mal direkt in die Augen schauen können.

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