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  • Abstiegskampf in der Fußball-Bundesliga

Nostalgischer VfB Stuttgart bemüht Aberglauben

So schlecht stehen die Chancen gar nicht, dass der VfB Stuttgart noch die Klasse hält. Helfen soll ein Retroshirt

  • Von Christoph Ruf, Stuttgart
  • Lesedauer: 5 Min.
Das Sturmduo aus dem Österreicher Saša Kalajdžić (M.) und seinem kroatischen Flankengeber Borna Sosa (r.) trägt Stuttgarts Hoffnungen im Abstiegskampf.
Das Sturmduo aus dem Österreicher Saša Kalajdžić (M.) und seinem kroatischen Flankengeber Borna Sosa (r.) trägt Stuttgarts Hoffnungen im Abstiegskampf.

Wenn Claus Vogt in seinem Betrieb Gäste empfängt, führt er sie mit etwas Glück ins Bernsteinzimmer seiner »Intesia Group« im Stuttgarter Speckgürtel. Gedeckte Bernstein-Töne sucht man dort allerdings vergebens. Stattdessen hängen alle möglichen VfB-Trikots aus den jüngeren Dekaden an der Wand, statt eines Teppichs ist knallgrüner Kunstrasen verlegt. Wer lange genug mit offenem Mund herumsteht, bekommt auch noch in Stadionlautstärke einen Einspieler zu hören. Es geht darin um einen gewissen Guido Buchwald und das womöglich wichtigste Kopfballtor in dessen Karriere. 2:1 gewann der VfB am 16. Mai 1992 in Leverkusen und wurde statt der Favoriten aus Dortmund und Frankfurt Deutscher Fußballmeister.

Allerdings auch, und das gibt selbst Claus Vogt zu, weil der Schiedsrichter, der damals die Eintracht in Rostock pfiff (Frankfurter Fans setzen hier seit 30 Jahren ein »ver« vors »pfiff«), einen ganz schlechten Tag hatte. Vogt, der heute VfB-Präsident ist, kann sich noch bestens an diesen Tag erinnern, es ist auch nicht ganz unwahrscheinlich, dass er damals eines der Fantrikots trug, die heuer an der Bürowand hängen. Mehr als wahrscheinlich ist es deshalb, dass auch Vogt ein Wörtchen mitgeredet hat, als der VfB in dieser Woche auf die Idee kam, beim alles entscheidenden Spiel gegen den 1. FC Köln an diesem Samstag in Retro-Trikots aufzulaufen, die denen vom Spiel vor fast genau 30 Jahren in Leverkusen nachempfunden sind.

So ein bisschen Aberglaube schadet bekanntlich nie, wenn es im Fußball ums Große und Ganze geht. Und darum geht es am Samstag für den VfB. Denn der Deutsche Meister von 1992 und 2007 steht heute doch sehr weit hinter Frankfurt, das sich in dieser Spielzeit mit West Ham und dem FC Barcelona maß. Stattdessen ist man als Tabellen-Drittletzter doch gefährlich nah an der Zweiten Liga. Um den Absturz noch zu verhindern, gehen die zugrunde liegenden Rechenspiele in etwa so: Der Tabellenvorletzte Bielefeld täte gut daran, seine Minimalchance auf den Relegationsplatz nicht durch einen frechen Heimsieg gegen RB Leipzig zu wahren, während Hertha BSC Berlin auf Platz 15 standesgemäß hoch beim BVB verlieren sollte. Und, ja klar, gegen Köln muss der VfB zu Hause natürlich gewinnen. Schwuppdiwupp dürfte sich der Hauptstadtklub in der Relegation herumärgern, und der VfB hätte doch noch den direkten Klassenerhalt geschafft.

Dass es so kommt, wie es sich das Gros der 57 000 in der ausverkauften Stuttgarter Arena wünscht, ist indes gar nicht mal so unwahrscheinlich, wie es auf den ersten Blick wirkt. Der Last-Minute-Ausgleich gegen Wolfsburg vor zwei Wochen hat die Laune in Mannschaft und Umfeld massiv gehoben, Gleiches lässt sich vom unverhofften 2:2 bei den Münchner Bayern sagen. Und da zudem die Kollegen Borna Sosa und Saša Kalajdžić an jenem 33. Spieltag in Topform gekommen sind, war man beim VfB schon mal pessimistischer, was die nähere Zukunft angeht.

Allerdings scheint es ausgemachte Sache zu sein, dass jene Zukunft eine ohne Kalajdžić und seinen idealen Flankengeber Sosa sein wird, selbst wenn der VfB noch die Klasse hält. Beiden liegen offenbar Angebote prominenter Vereine vor. Und Stuttgarts Sportchef Sven Mislintat hat die Vorgabe, einen Transferüberschuss von 20 Millionen Euro zu erzielen. Daniel Didavi, der in dieser Saison auch aufgrund von Verletzungen keine Rolle mehr spielte, wird hingegen keinen neuen Vertrag bekommen. Das gilt auch für den Schweizer Erik Thommy, der den »Stuttgarter Nachrichten« den definitiv unglaubwürdigsten Satz in den Block diktiert hat, den man sagen kann, wenn man weiß, dass man in ein paar Tagen arbeitslos sein wird: »Mit meiner Zukunft habe ich mich noch gar nicht beschäftigt.«

Unabhängig vom Verlauf des letzten Spieltages herrscht allerdings Gesprächsbedarf im Stuttgarter Talkessel. Denn auch wenn in Verlautbarungen der gegenteilige Eindruck erweckt wird, haben die Verantwortlichen des VfB vor der Saison doch zumindest im Stillen mit einem weitaus besseren Saisonverlauf geplant. Sportlich dürfte vor allem die Vielzahl der leicht vermeidbaren Gegentore ein Thema werden. Ebenso die Frage, ob die Altersstruktur im extrem jungen Kader stimmte.

Nicht wenige VfB-Fans hoffen allerdings, dass die notwendige Detailanalyse nicht gleich zu einer Tabula-rasa-Lösung führt. Mit der grundsätzlichen Ausrichtung (Verjüngung und Scouten hoch veranlagter, aber unfertiger Talente) sowie der von Trainer Pellegrino Matarazzo vorgegebenen attraktiven Spielweise sind die meisten Fans schließlich trotz der Delle in dieser Spielzeit nicht unzufrieden. Auch die Außendarstellung hat sich in den vergangenen Monaten deutlich verbessert. Heuer äußert sich der neue Vorstandsvorsitzende Thomas Wehrle ebenso sachlich-analytisch wie Matarazzo und Sportdirektor Sven Mislintat. Und für schwäbische Verhältnisse ist auch die Großwetterlage im Stadion von erstaunlich viel Grundsympathie statt Pfeifkonzerten nach dem zweiten Fehlpass geprägt.

Für einen Tabellen-16. ist das eigentlich gar keine so negative Bestandsaufnahme. Fehlt eben nur noch ein entscheidender Stuttgarter Siegtreffer am 14. Mai 2022. Jede Wette, dass von dem dann auch 2052 noch gesprochen wird.

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