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  • Abstiegskampf in der Fußball-Bundesliga

Nostalgischer VfB Stuttgart bemüht Aberglauben

So schlecht stehen die Chancen gar nicht, dass der VfB Stuttgart noch die Klasse hält. Helfen soll ein Retroshirt

  • Von Christoph Ruf, Stuttgart
  • Lesedauer: 7 Min.
Das Sturmduo aus dem Österreicher Saša Kalajdžić (M.) und seinem kroatischen Flankengeber Borna Sosa (r.) trägt Stuttgarts Hoffnungen im Abstiegskampf.
Das Sturmduo aus dem Österreicher Saša Kalajdžić (M.) und seinem kroatischen Flankengeber Borna Sosa (r.) trägt Stuttgarts Hoffnungen im Abstiegskampf.

Wenn Claus Vogt in sei­nem Betrieb Gäs­te emp­fängt, führt er sie mit etwas Glück ins Bern­stein­zim­mer sei­ner »Inte­sia Group« im Stutt­gar­ter Speck­gür­tel. Gedeck­te Bern­stein-Töne sucht man dort aller­dings ver­ge­bens. Statt­des­sen hän­gen alle mög­li­chen VfB-Tri­kots aus den jün­ge­ren Deka­den an der Wand, statt eines Tep­pichs ist knall­grü­ner Kunst­ra­sen ver­legt. Wer lan­ge genug mit offe­nem Mund her­um­steht, bekommt auch noch in Sta­di­on­laut­stär­ke einen Ein­spie­ler zu hören. Es geht dar­in um einen gewis­sen Gui­do Buch­wald und das womög­lich wich­tigs­te Kopf­ball­tor in des­sen Kar­rie­re. 2:1 gewann der VfB am 16. Mai 1992 in Lever­ku­sen und wur­de statt der Favo­ri­ten aus Dort­mund und Frank­furt Deut­scher Fußballmeister.

Aller­dings auch, und das gibt selbst Claus Vogt zu, weil der Schieds­rich­ter, der damals die Ein­tracht in Ros­tock pfiff (Frank­fur­ter Fans set­zen hier seit 30 Jah­ren ein »ver« vors »pfiff«), einen ganz schlech­ten Tag hat­te. Vogt, der heu­te VfB-Prä­si­dent ist, kann sich noch bes­tens an die­sen Tag erin­nern, es ist auch nicht ganz unwahr­schein­lich, dass er damals eines der Fan­tri­kots trug, die heu­er an der Büro­wand hän­gen. Mehr als wahr­schein­lich ist es des­halb, dass auch Vogt ein Wört­chen mit­ge­re­det hat, als der VfB in die­ser Woche auf die Idee kam, beim alles ent­schei­den­den Spiel gegen den 1. FC Köln an die­sem Sams­tag in Retro-Tri­kots auf­zu­lau­fen, die denen vom Spiel vor fast genau 30 Jah­ren in Lever­ku­sen nach­emp­fun­den sind.

So ein biss­chen Aber­glau­be scha­det bekannt­lich nie, wenn es im Fuß­ball ums Gro­ße und Gan­ze geht. Und dar­um geht es am Sams­tag für den VfB. Denn der Deut­sche Meis­ter von 1992 und 2007 steht heu­te doch sehr weit hin­ter Frank­furt, das sich in die­ser Spiel­zeit mit West Ham und dem FC Bar­ce­lo­na maß. Statt­des­sen ist man als Tabel­len-Dritt­letz­ter doch gefähr­lich nah an der Zwei­ten Liga. Um den Absturz noch zu ver­hin­dern, gehen die zugrun­de lie­gen­den Rechen­spie­le in etwa so: Der Tabel­len­vor­letz­te Bie­le­feld täte gut dar­an, sei­ne Mini­mal­chan­ce auf den Rele­ga­ti­ons­platz nicht durch einen fre­chen Heim­sieg gegen RB Leip­zig zu wah­ren, wäh­rend Her­tha BSC Ber­lin auf Platz 15 stan­des­ge­mäß hoch beim BVB ver­lie­ren soll­te. Und, ja klar, gegen Köln muss der VfB zu Hau­se natür­lich gewin­nen. Schwupp­di­wupp dürf­te sich der Haupt­stadt­klub in der Rele­ga­ti­on her­um­är­gern, und der VfB hät­te doch noch den direk­ten Klas­sen­er­halt geschafft.

Dass es so kommt, wie es sich das Gros der 57 000 in der aus­ver­kauf­ten Stutt­gar­ter Are­na wünscht, ist indes gar nicht mal so unwahr­schein­lich, wie es auf den ers­ten Blick wirkt. Der Last-Minu­te-Aus­gleich gegen Wolfs­burg vor zwei Wochen hat die Lau­ne in Mann­schaft und Umfeld mas­siv geho­ben, Glei­ches lässt sich vom unver­hoff­ten 2:2 bei den Münch­ner Bay­ern sagen. Und da zudem die Kol­le­gen Bor­na Sosa und Saša Kalaj­džić an jenem 33. Spiel­tag in Top­form gekom­men sind, war man beim VfB schon mal pes­si­mis­ti­scher, was die nähe­re Zukunft angeht.

Aller­dings scheint es aus­ge­mach­te Sache zu sein, dass jene Zukunft eine ohne Kalaj­džić und sei­nen idea­len Flan­ken­ge­ber Sosa sein wird, selbst wenn der VfB noch die Klas­se hält. Bei­den lie­gen offen­bar Ange­bo­te pro­mi­nen­ter Ver­ei­ne vor. Und Stutt­garts Sport­chef Sven Mis­lin­tat hat die Vor­ga­be, einen Trans­fer­über­schuss von 20 Mil­lio­nen Euro zu erzie­len. Dani­el Dida­vi, der in die­ser Sai­son auch auf­grund von Ver­let­zun­gen kei­ne Rol­le mehr spiel­te, wird hin­ge­gen kei­nen neu­en Ver­trag bekom­men. Das gilt auch für den Schwei­zer Erik Thom­my, der den »Stutt­gar­ter Nach­rich­ten« den defi­ni­tiv unglaub­wür­digs­ten Satz in den Block dik­tiert hat, den man sagen kann, wenn man weiß, dass man in ein paar Tagen arbeits­los sein wird: »Mit mei­ner Zukunft habe ich mich noch gar nicht beschäftigt.«

Unab­hän­gig vom Ver­lauf des letz­ten Spiel­ta­ges herrscht aller­dings Gesprächs­be­darf im Stutt­gar­ter Tal­kes­sel. Denn auch wenn in Ver­laut­ba­run­gen der gegen­tei­li­ge Ein­druck erweckt wird, haben die Ver­ant­wort­li­chen des VfB vor der Sai­son doch zumin­dest im Stil­len mit einem weit­aus bes­se­ren Sai­son­ver­lauf geplant. Sport­lich dürf­te vor allem die Viel­zahl der leicht ver­meid­ba­ren Gegen­to­re ein The­ma wer­den. Eben­so die Fra­ge, ob die Alters­struk­tur im extrem jun­gen Kader stimmte.

Nicht weni­ge VfB-Fans hof­fen aller­dings, dass die not­wen­di­ge Detail­ana­ly­se nicht gleich zu einer Tabu­la-rasa-Lösung führt. Mit der grund­sätz­li­chen Aus­rich­tung (Ver­jün­gung und Scou­ten hoch ver­an­lag­ter, aber unfer­ti­ger Talen­te) sowie der von Trai­ner Pel­le­gri­no Mata­raz­zo vor­ge­ge­be­nen attrak­ti­ven Spiel­wei­se sind die meis­ten Fans schließ­lich trotz der Del­le in die­ser Spiel­zeit nicht unzu­frie­den. Auch die Außen­dar­stel­lung hat sich in den ver­gan­ge­nen Mona­ten deut­lich ver­bes­sert. Heu­er äußert sich der neue Vor­stands­vor­sit­zen­de Tho­mas Wehr­le eben­so sach­lich-ana­ly­tisch wie Mata­raz­zo und Sport­di­rek­tor Sven Mis­lin­tat. Und für schwä­bi­sche Ver­hält­nis­se ist auch die Groß­wet­ter­la­ge im Sta­di­on von erstaun­lich viel Grund­sym­pa­thie statt Pfeif­kon­zer­ten nach dem zwei­ten Fehl­pass geprägt.

Für einen Tabel­len-16. ist das eigent­lich gar kei­ne so nega­ti­ve Bestands­auf­nah­me. Fehlt eben nur noch ein ent­schei­den­der Stutt­gar­ter Sieg­tref­fer am 14. Mai 2022. Jede Wet­te, dass von dem dann auch 2052 noch gespro­chen wird.

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