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Die Stille zwischen den Böllern

Dynamo Dreden steht nach dem Zweitliga-Abstieg gegen Kaiserslautern der nächste Umbruch bevor

  • Von Christoph Ruf, Dresden
  • Lesedauer: 5 Min.
Feuerwerkskörper aus dem Dresdner K-Block sorgten für eine minutenlange Spielunterbrechung des Relegationsspiels gegen Kaiserslautern.
Feuerwerkskörper aus dem Dresdner K-Block sorgten für eine minutenlange Spielunterbrechung des Relegationsspiels gegen Kaiserslautern.

Man hat schon Partys in entspannterer Atmosphäre gesehen als die, die am Dienstagabend im Dresdner Stadion gefeiert wurde. Während die rotgekleideten Spieler des 1. FC Kaiserslautern geschützt von einer Ordnerkette auf einem engen Areal vor ihrer eigenen Fankurve herumtollten, alkoholische Getränke verspritzten und den Aufstieg in die 2. Fußball-Bundesliga feierten, herrschte im Rest des Stadions eine ganz andere Atmosphäre. Gespenstische Ruhe, immer wieder unterbrochen durch das Zischen von Feuerwerkskörpern, die auf den Rasen geschossen wurden und dort minutenlang vor sich hin loderten.

Dynamos Abstieg nach nur einem Jahr in der zweiten Liga paralysierte Zehntausende Dresdner Fans, veranlasste ein paar Hundert, sich mal wieder daneben zu benehmen – und löste im Verein gefühlt unmittelbar nach Schlusspfiff eine Fehleranalyse aus, deren Ergebnisse wohl schon bald verkündet werden. Die Verträge von Trainer Guerino Capretti und Sportdirektor Ralf Becker haben in der 3. Liga keine Gültigkeit mehr, zumindest Caprettis Chancen, in Dresden zu bleiben, stehen nach 19 Spielen ohne einen einzigen Sieg unter seiner Regie nicht ganz so gut. Andererseits kann sich der Verein ein längeres Machtvakuum nicht leisten. Schon gar nicht nach den Bildern vom Dienstag, die den Deutschen Fußball-Bund auf den Plan riefen – mal wieder.

Im K-Block, wo der harte Kern der Dynamo-Fans bis zum 0:1 durch Daniel Hanslik (59.) sein Team nach vorne gebrüllt und dann das Spiel mit Böllern und Raketen an den Rand eines Abbruchs gebracht hatte, ging niemand nach Hause. »Auf Wiedersehen« – die beiden Worte, die auf der Anzeigetafel gelb aufleuchteten, konnten durchaus als Aufforderung gesehen werden, doch nun endlich das Weite zu suchen. Denn die – glücklicherweise unbegründete – Angst, die Lage könnte weiter eskalieren, war am Dienstagabend überall mit Händen zu greifen. So erhielt Dynamo zum Beispiel erst 45 Minuten nach Spielende grünes Licht, dass die Pressekonferenz regulär und mit beiden Trainern würde stattfinden können. Zu diesem Zeitpunkt wusste man allerdings noch nicht, dass gut 30 Dresdner Fans noch einmal versuchen würden, ins Stadion zu kommen, und dabei zwei Ordner verletzten. Und man wusste auch nicht, dass ein Bus der Gästefans mit Steinen beworfen worden war. Wobei das wohl wenig mit den »Wessi-Schweine«-Rufen während des Spiels zu tun hatte. Feiernden Anhängern aus Magdeburg oder Berlin-Köpenick wäre es nicht besser ergangen.

Auch am Mittwochmorgen war in Dresden die Niedergeschlagenheit in den Straßenbahnen genauso zu greifen wie in Cafés und auf dem Bahnhof Neustadt, von wo aus zahlreiche gelbgekleidete Fans, die sich extra Urlaub genommen hatten, zurück ins Umland fuhren. Kaiserslauterns Trainer Dirk Schuster, ein gebürtiger Karl-Marx-Städter, hatte Dynamo im Vorfeld ja als »FC Bayern des Ostens« bezeichnet. Das stimmt zumindest insofern, als nur ganz wenige Vereine in einer einzelnen Region eine solch breite Basis haben wie Dynamo Dresden in einem weiten Radius um die sächsische Hauptstadt.

Trotz all der Bilder, die in den kommenden Tagen über Pyro-Exzesse und Böller-Würfe gesendet werden dürften, fiel doch auch auf, dass sich am Dienstag die übergroße Mehrheit der Dynamo-Fans wie immer völlig friedlich und zivilisiert verhielt. Wer sich nach dem Spiel unter die gelbgekleideten Menschenmassen mischte, die Richtung Innenstadt abzogen, nahm wenig Wut und Aggression wahr. Dafür aber viel Trauer und Resignation. Und die oft geäußerte und wohl auch realistische Erkenntnis, dass ein Team, das inklusive der Relegationsspiele 2022 kein einziges Spiel gewinnen konnte, in der zweiten Liga auch erst mal nichts verloren hat. Und dennoch: Über die Ereignisse von Dresden wird zu reden sein. Allein wegen der schieren Masse an Bengalos, die auf den Platz geworfen wurden – auch von Lauterer Anhängern, die vor dem Spiel sogar fünf Kanonenschläge gezündet hatten, die lautesten in Deutschland erhältlichen Böller, und gegen die Dresdens Polizei nun ermittelt, weil eine Rakete mitten in Dresdner Zuschauer schoss, die auf der angrenzenden Südtribüne saßen.

Als sich die Niederlage abzeichnete und Teile des Dresdner Fanblocks offenbar beschlossen, dass es nun auch egal sei, ob ihr Verein mal wieder als Enfant terrible des deutschen Fußballs dastehen würde und womöglich mit harten Sanktionen seitens des DFB zu rechnen hat, behielt derweil mit Schiedsrichter Torsten Siebert der wichtigste Mann auf dem Platz einen kühlen Kopf. Als nach dem entscheidenden Lauterer Tor zum 0:2 durch Philipp Hercher (90.) endgültig alle Dämme zu brechen drohten, unterbrach er das Spiel für sieben Minuten, hielt beide Mannschaften aber auf dem Rasen und ließ schließlich noch drei Minuten bis zum Ende der von ihm angezeigten Nachspielzeit weiterspielen. Nur so konnte der FCK am Dienstag den Aufstieg feiern, der am Mittwoch mit einem Empfang im Rathaus und einer großen Fanfeier auf dem Stiftsplatz fortgesetzt wird. Bei einem Spielabbruch wäre es zu einer Sportgerichtsverhandlung gekommen. Und vor Ort möglicherweise zu Vorfällen, die man sich lieber nicht ausmalen mag.

Das musste auch FCK-Trainer Schuster so empfunden haben, der sich kurz darüber freute, dass sich seine Mannschaft »auch vom Publikum nicht hat verrückt machen lassen«. Im Übrigen könne er sich gut vorstellen, wie es den Angestellten und Fans der Dresdner nun gehe, und habe auch deshalb seine Spieler gebeten, die Feierlichkeiten im Stadion etwas gesitteter ablaufen zu lassen und »erst im Bus die Kuh fliegen zu lassen«. Die wiederum hatte 500 Kilometer westlich derweil längst eine stattliche Flughöhe eingenommen: 7500 Fans der Lauterer hatten beim Public-Viewing für eine bis auf den letzten Platz besetzte Nordkurve des Fritz-Walter-Stadions gesorgt, unmittelbar nach Schlusspfiff kamen Tausende Anhänger in Kaiserlauterns Innenstadt zusammen. Schließlich wurde bis weit in die Morgenstunden dort gefeiert, dass der einstige Dauer-Bundesligist nach vier langen Jahren in der Drittklassigkeit ab Juli wieder in der 2. Bundesliga mittun darf. Die Bandbreite der KFZ-Kennzeichen zeigte beim Autokorso dann, dass auch der FCK in einem ziemlich weiten Kreis um »K-town« herum Tausende Anhänger hat.

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