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  • Dynamo Dresden vor der Relegation

Die Gefahr der Austauschbarkeit

Vor den Relegationsspielen gegen Kaiserslautern war die Bande zwischen Fans und Verein bei Dynamo Dresden schon mal enger.

  • Von Christoph Ruf, Kaiserslautern
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Fans von Dynamo Dresden hatten zuletzt eine Menge Frust zu bewältigen. Zudem fürchten sie die Abkehr des Klubs von seiner Tradition.
Die Fans von Dynamo Dresden hatten zuletzt eine Menge Frust zu bewältigen. Zudem fürchten sie die Abkehr des Klubs von seiner Tradition.

Dirk Schuster hat noch 2021 den FC Erzgebirge Aue trainiert. Doch auch ohne diese frischen Eindrücke aus dem Sächsischen hätte der neue Trainer des 1. FC Kaiserslautern ganz gewiss einen Heidenrespekt vor dem Relegationsgegner Dynamo Dresden. »Das sind zwei tolle Spiele zwischen zwei Traditionsvereinen mit riesigem Fanpotenzial. Das wird keiner so schnell vergessen.«

Fast beiläufig betont er, dass es da eine Mannschaft gebe, die »alles gewinnen und eine andere, die alles verlieren kann«. Doch abgesehen von den handelsüblichen Versuchen, den Gegner stark zu reden, hat der in Karl-Marx-Stadt geborene ehemalige Verteidiger tatsächlich großen Respekt vor Dynamo, vor allem, was Umfeld und Gefolgschaft angeht: »Das war schon in meiner Jugend der FC Bayern des Ostens. Und er ist es heute noch.« Da Teile der Dresdner Fanszene als gewaltaffin gelten und es bei einem Zweitligaspiel 2013 in Kaiserslautern zu schweren Ausschreitungen kam, wurde die Partie vom Freitagabend als Hochsicherheitsspiel eingestuft. Ein großes Polizeiaufgebot wird beide Fanlager trennen, es herrscht striktes Alkoholverbot, Glasflaschen stehen ebenfalls auf dem Index.

Sportlich kommt es derweil zum Duell zweier Gezeichneter. Dem FCK ging dabei erst am Saisonende die Puste aus, die drei Niederlagen in Serie gegen Wehen-Wiesbaden, die zweite Mannschaft von Borussia Dortmund und Viktoria Köln kosteten Schusters Vorgänger Marco Antwerpen den Job. Hingegen hat Dresden in der Rückrunde keinen einzigen Sieg gelandet, zehn Punkte aus 17 Spielen sind eine todtraurige Bilanz. Dresden stieg nur deshalb nicht direkt ab, weil der FC Erzgebirge Aue und Ingolstadt noch weniger konkurrenzfähig waren. Dresdens neuer Trainer Guerino Capretti, der sich in seiner Zeit in Verl (2107 bis 2022) einen guten Ruf erarbeitet hatte, konnte bislang keines seiner zehn Ligaspiele gewinnen. Vorgänger Alexander Schmidt war hingegen im Februar auf Rang 14 entlassen worden.

Für Schuster sind das alles naturgemäß keine Gründe, Dynamo etwas anderes zuzuschreiben als die Favoritenrolle. Bei den letzten beiden Spielen in Karlsruhe (2:2) und zu Hause gegen Aue (0:1) will er eine »offensivstarke Mannschaft mit kreativen Lösungen vorm gegnerischen Tor« gesehen haben. Für ihn selbst sind die beiden Partien am heutigen Freitag und am Dienstag in Dresden nicht die ersten Relegationsspiele, in denen sein Team ohne die Favoritenrolle auskommen musste. Als Coach des damaligen Drittligisten Darmstadt 98 setzte er sich 2014 gegen Arminia Bielefeld durch. Mit 1:3 hatte man das Heimspiel verloren, um dann mit einer Energieleistung das Rückspiel auf der Bielefelder Alm mit 4:2 zu gewinnen. Ein von Schuster trainierter Drittligist hatte sich gegen den Zweitligisten durchgesetzt – eine schöne Blaupause für die beiden FCK-Spiele gegen den aktuellen 16. der Zweiten Liga, der derzeit auch atmosphärisch mit Problemen zu kämpfen hat.

Spätestens seit im Sommer 2020 Vereinslegende Ralf Minge als Sportdirektor verabschiedet wurde, haben viele Dynamo-Fans den Verdacht, dass ihr Verein sich Stück für Stück von weiteren Identifikationsfiguren trennen werde. Tatsächlich war die Fluktuation auf der Geschäftsstelle seither beträchtlich, während in vergangenen Jahren in enger Zusammenarbeit zwischen Vereinsführung und Fanszene so manche (nicht zuletzt: finanzielle) Krise überwunden wurde, haben viele Fans heute den Eindruck, dass ihr Klub nicht mehr so viel Wert auf sie legt und auf dem Weg zu einem »normalen«, in vielerlei Hinsicht austauschbareren Verein sei. Bestes Beispiel sei das neue Trainingszentrum in der Stadtmitte, in dem die Mannschaft – umgeben von festinstallierten Zäunen – abgeschirmt von den Fans lebe. Das allerdings ist eine Klage, der sich auch die Anhänger von zwei Dutzend anderen Profivereinen anschließen dürften. Schließlich gibt es kaum noch Trainer, denen man nicht mühsam jede einzelne Trainingseinheit abringen müsste, die ausnahmsweise nicht hinter verschlossenen Türen stattfindet.

An der Tatsache, dass Dynamo zu den Vereinen mit der bundesweit größten Fanszene gehört, haben die dezenten Entfremdungstendenzen indes nichts geändert. Auch in der gerade abgelaufenen Spielzeit war jeder Auswärtsblock bei Dynamo-Spielen in der Fremde ausverkauft. Und selbstverständlich waren auch die 5000 Eintrittskarten für das heutige Spiel am anderen Ende der Republik im Handumdrehen vergriffen. Dirk Schusters Zitat vom »FC Bayern des Ostens« ist so übertrieben also nicht. Zumindest, wenn man von der sportlichen Lage absieht.

Den Verdacht, dass aus dem gebürtigen Karl-Marx-Städter Schuster bei allem Lob für den Relegationsgegner ein verkappter Fan der Dynamos spreche, widerlegt Schuster aber überzeugend: Nicht als einziger DDR-Bürger habe er sich bereits als Jugendlicher einen Westverein als Lieblingsclub auserkoren: »Ich war schon als Kind Eintracht-Frankfurt-Fan und habe am Mittwoch gegen die Rangers ordentlich mitgefiebert.«

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