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Die erste Show des Luka Dončić

Deutschlands Basketballer scheitern erstmals bei der EM, weil Sloweniens Superstar aufgewacht ist

  • Von Oliver Kern, Köln
  • Lesedauer: 5 Min.
Egal, wie viele Verteidiger das deutsche Team gegen ihn stellte, Luka Dončić (l.) war am Dienstagabend einfach nicht zu stoppen.
Egal, wie viele Verteidiger das deutsche Team gegen ihn stellte, Luka Dončić (l.) war am Dienstagabend einfach nicht zu stoppen.

Als Maodo Lô gefragt wurde, was denn da gerade passiert sei, fand der Spielmacher der deutschen Basketball-Nationalmannschaft eine ebenso simple und doch auf den Punkt zutreffende Antwort: »Luka Dončić ist passiert.« Tatsächlich hatte der slowenische Superstar erstmals bei dieser Europameisterschaft gezeigt, warum Basketballfans aus ganz Europa nach Köln gekommen sind und zudem mehr als 70 Euro pro Partie bezahlt haben, um den Slowenen spielen zu sehen. 36 Punkte erzielte Dončić am Dienstagabend in der Kölnarena, führte den amtierenden Europameister zu einem 88:80-Sieg und fügte dem Team des Deutschen Basketball-Bundes (DBB) gleichzeitig im vierten EM-Spiel die erste Niederlage zu.

Es war fast zu erwarten gewesen: Der Höhenflug der Heimmannschaft musste irgendwann zu einem Ende kommen und der Tiefflug des slowenischen Superstars konnte nicht ewig anhalten. Während Deutschlands Jungstar Franz Wagner – zwei Tage nach einem 32-Punkte-Spiel gegen Litauen – in Halbzeit eins nicht ein einziges Mal den Korb traf, zeigte Dončić endlich seine ganze Klasse, die selbst in der NBA die Fans begeistert. 17 Punkte erzielte er bereits in den ersten 20 Minuten der Partie. So viel hatte er im Schnitt bei dieser EM nicht mal über die volle Spielzeit geschafft. Ausgerechnet gegen die Gastgeber platzte endlich der Knoten, und egal welchen Verteidiger Bundestrainer Gordon Herbert gegen ihn spielen ließ, Dončić ließ einen wie den anderen wie Drittligaspieler aussehen.

»Wir haben Dončić nicht unter Kontrolle bekommen. Das hat schon in der ersten Hälfte angefangen, und leider hat er auch danach alles bekommen, was er wollte. Wir haben einfach kein Mittel gegen ihn gefunden«, musste der frustrierte Center Johannes Voigtmann nach der Partie eingestehen. Besonders bitter: Mit einem Sieg hätte das DBB-Team den Gruppensieg bereits vor der abschließenden Vorrundenpartie gegen Ungarn an diesem Mittwochabend sicher gehabt. So gingen die besten Chancen darauf zunächst wieder in die Hände der Slowenen über, die dafür allerdings auch noch ihre letzte Partie gegen den Olympiazweiten Frankreich gewinnen müssen.

Vor zwei Wochen hätte jeder Beobachter der deutschen Mannschaft wohl noch eine sehr gute Partie attestiert, hatte sie doch bis in die Schlussphase gekämpft und den Rückstand gegen den Titelverteidiger immer im Rahmen des Aufholbaren gehalten. Dazwischen aber hatte ein Spiel in der WM-Qualifikation gegen dieselben Slowenen gelegen, in dem man die Europameister mit 90:71 klar bezwungen und Dončić viel besser kontrolliert hatte.

Bundestrainer Herbert hatte bereits angekündigt, dass es diesmal anders kommen würde, weil die Slowenen nicht noch einmal dieselben Patzer begehen würden. Und tatsächlich lief diese Partie vollkommen anders ab als gut eine Woche zuvor. Gaben die Slowenen damals noch gut 15 Punkte im Schnellangriff nach Ballverlusten ab, konnte Deutschland diesmal nur sechs auf diese Weise sammeln. »Sie haben unser Transition-Spiel komplett weggenommen, das hat uns geschadet«, analysierte auch Maodo Lô. Zudem hatte Deutschland nach 20 Rebounds am offensiven Brett in München immer wieder auch nach Fehlwürfen noch gepunktet. Nun ließ der Europameister nur sechs davon zu, die das deutsche Team nur in magere drei Zähler umwandelte. Die Slowenen, die im Falle einer Niederlage sogar schon nach der Vorrunde hätten ausscheiden können, hatten offensichtlich die richtigen Schlüsse aus der letzten Pleite gezogen.

Währenddessen bewahrheitete sich eine Befürchtung in Bezug auf die deutsche Mannschaft. All die schwierigen Würfe, die sie in den ersten drei Partien noch getroffen hatte, prallten nun ein ums andere Mal vom Ring wieder ins Feld zurück. Angriffssysteme, an deren Ende leichte Punkte in Korbnähe erzielt werden, hatten die Deutschen sich auch zuvor nur selten herausspielen können. Gegen Slowenien wurde das erstmals zum Problem.

Erst in der zweiten Halbzeit traf beispielsweise Franz Wagner zwei Dreipunktwürfe. Am Ende hatte er acht Zähler auf dem Konto, nur ein Viertel dessen, was er noch gegen Litauen erreicht hatte. »Ich würde dennoch nicht sagen, dass das ein schlechtes Spiel von mir war, weil ich das nie an Punkten festmache«, sagte der Mann von den Orlando Magic. In der Tat hatte er erneut mehrfach den Ball in der Verteidigung erobert und im Angriff Kollegen gut eingesetzt. Der eigene Wurf aber wollte diesmal kaum den Korb finden. Niemand im Team nimmt ihm das übel, ist Wagner doch gerade erst 21 geworden. Doch soll der Medaillentraum nächste Woche in Berlin wahr werden, braucht der DBB einen Franz Wagner in Galaform.

Immerhin sollte sein Team Mitte des dritten Viertels einen zweistelligen Rückstand aufholen und auf zwei Punkte herankommen, mehr aber ließ Dončić an diesem Abend nicht zu. Fast im Alleingang stellte er mit Distanzwürfen sowie seinem unwiderstehlichen Durchsetzungsvermögen unter dem Korb schnell den alten Abstand wieder her. Und erstmals in diesem Turnier sah man dem Titelverteidiger an, dass er in diesem Turnier etwas erreichen will.

Für die deutsche Mannschaft kam die Niederlage vielleicht zur richtigen Zeit. Der Einzug ins Achtelfinale war schon vorher sicher, und jetzt hat man die eigenen Schwächen gnadenlos aufgezeigt bekommen. »Alles ist gut«, schloss Maodo Lô daher ganz pragmatisch. »Wir werden das jetzt analysieren und dann geht es weiter. So läuft das in einem Turnier, so haben das die Slowenen auch gemacht, nachdem sie gegen Bosnien verloren hatten. Das hier ist kein Genickbruch. Wir machen weiter.«

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