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Mad bad World

Der Wettbewerb der diesjährigen Filmfestspiele von Venedig bietet etliche Titel, die vom Wahnsinn erzählen

Es gibt verschiedene Arten des Wahnsinns. Manchmal geht er mit einem Schock oder Trauma einher. Mit einem Unglück oder einer Depression. Manchmal aber fängt alles sehr banal an: Ein Mann entscheidet auf einmal, nicht mehr mit seinem langjährigen Kumpel zu reden. So beginnt »The Banshees of Inisherin« des Regisseurs Martin McDonagh, der im Wettbewerb des momentan laufenden Venedig-Filmfestivals Premiere feierte.

Die Geschichte spielt auf einer abgelegenen irischen Insel; dort beendet Colm (Brendan Gleeson) abrupt seine Freundschaft mit Pádraic (Colin Farrell). Eine richtige Erklärung dafür gibt Colm dem bisherigen Freund nicht. Er ignoriert ihn bloß. Pádraic, ein »einfacher« Mann mit gutem Herzen, der seine Zeit auf der Insel entweder mit seinen Tieren oder im Pub eben mit Colm verbrachte und sich auf »nette, normale« Gespräche freute, egal, ob mit Menschen oder etwa seinem Miniesel, versteht die Welt nicht mehr. Hat er etwas Falsches gesagt oder Colm etwas angetan, fragt er und entschuldigt sich im Voraus für was auch immer der Grund der Entzweiung sein sollte. Colm verneint: Er möge ihn einfach nicht mehr. Alles klingt so simpel, und doch bringt die Story ihre Protagonisten allmählich bis zum Rande des Wahnsinns. Um zu zeigen, dass er alles ernst meint, droht Colm damit, jedes Mal, wenn Pádraic mit ihm redet, sich selbst einen Finger abzuschneiden.

Martin McDonagh, der schon in seinem früheren Drama »In Bruges« (2008; deutscher Titel: »Brügge sehen … und sterben?«) mit dem Schauspieler-Duo Colin Farrell und Brendan Gleeson eine seltsame Freundschaft zweier Männer dargestellt hat, beschäftigt sich in »The Banshees of Inisherin« nun mit einem eigenartigen Auseinandergehen von zwei Kumpeln. Dabei ist ihm das Drehbuch besonders gelungen, welches an beidem reich ist: Humor und Horror.

Der Wettbewerb der diesjährigen Filmfestspiele von Venedig bietet etliche Titel, die irgendwie den Wahnsinn zum Thema machen. Etwa das Mystery-Drama der britischen Regisseurin Joanna Hogg »The Eternal Daughter«, in dem Tilda Swinton die Filmemacherin Julie darstellt, die mit ihrer Mutter (verkörpert ebenfalls von Swinton) deren ehemaligen Landsitz besucht, der nun zu einem verlassenen Hotel geworden ist. Dort möchte sie sich inspirieren lassen, um ein Drehbuch über die Mutter zu schreiben. Sie scheinen die einzigen Gäste des Hotels zu sein, doch Julie hört nachts ständig Geräusche, weswegen sie oft schlaflos durch die Gegend läuft. Dieser abgelegene, unheimliche Ort erinnert an Charlie Kaufmans »I’m Thinking of Ending Things« aus dem Jahr 2020.

Nicht nur das Haus an sich, sondern auch der Aufenthalt mit der Mutter ist mysteriös. Die alte Frau hat Geheimnisse und Gefühle, über die sie kaum spricht. Und Julie scheitert bei jedem Versuch, endlich mit dem Schreiben des Drehbuchs anzufangen. Das ständige Bedürfnis, die Mutter glücklich zu machen, treibt sie langsam in den Wahnsinn. Hat sie dabei Verlustängste oder Schuldgefühle?

Für Joanna Hogg selbst war es ein langer Prozess, »The Eternal Daughter« zu realisieren. 2008 wollte sie einen Film über ihre Beziehung zu ihrer eigenen Mutter machen, die während des Zweiten Weltkrieges aufgewachsen ist und zu einer Generation von Frauen gehöre, die ihre Gefühle für sich selbst behalte, erklärt Hogg. Eine Art Schuld hat sie daran gehindert, das Buch fertig zu schreiben. Erst vor zwei Jahren konnte sie mit der Idee, die Geschichte in einem seltsamen Hotel spielen zu lassen, mit der Arbeit vorankommen. Dennoch: Außer der wunderbaren schauspielerischen Leistung von Tilda Swinton hat der Film nicht viel, vor allem nichts Neues, zu bieten. Alles scheint schon zum x-ten Mal erzählt worden zu sein: Spukhäuser, seltsames Hotelpersonal, unheimliche Erscheinungen, Hunde, die verschwinden und wieder auftauchen, Türen, die knarren oder sich öffnen – und eine Frau, die dabei durchdreht.

Von einer anderen Art Wahnsinn handelt der iranische Film »Shab, Dakheli, Divar« (»Beyond the Wall«) des Regisseurs Vahid Jalilvand. Ali (Navid Mohammadzadeh) ist fast blind und gerade dabei, sich im Badezimmer umzubringen, als er vom Pförtner gestört wird, der ihm Bescheid gibt, dass eine Frau auf der Flucht sich in diesem Gebäude versteckt haben soll. Die Frau, Leila (Diana Habibi), die auf einer Demonstration von Arbeiter*innen festgenommen wurde, befindet sich tatsächlich nun in seiner Wohnung. Ali entscheidet sich, ihr zu helfen.

Während der Charakter von Ali Tiefe und Nuancen aufweist, ist der von Leila ziemlich platt. Sie ist fast nur mit zwei Sachen beschäftigt: weinen oder sich entschuldigen. Und wenn nichts davon der Fall ist, dann erlebt sie epileptische Anfälle. Der Plot ist zwar stark, aber die ganze Szenerie übertrieben-elend. Es herrschen Gewalt und Chaos. Man wird ständig gestört oder besser: überwacht. Im iranischen Kino wird oft eine überspannte Situation dargestellt, in der die Menschen entweder schreien oder schweigen. In solch einem Zustand ist kaum auseinanderzuhalten, ob der Wahn sich nur draußen abspielt oder auch in den Köpfen wütet.

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