Doku über den Schauspieler Lars Eidinger: Ein Drops-Lutscher

Die Doku »Lars Eidinger – Sein oder nicht sein« begleitet den Schauspieler auf seiner Reise zu sich selbst

Einmal, als Helmut Berger in Berlin vorbeikam, um dort einen Bildband über sich, den ehemals schönsten Schauspieler der Welt, vorzustellen, steht er vor seinen Porträts und wird gebeten, etwas dazu zu sagen. Berger, König des Exzesses, die größte und unterhaltsamste Diva, die je gelebt hat, verweigert sich. Das sei doch langweilig. Eigentlich aber ging es darum, der eigenen Vergänglichkeit, der Existenz der Nachwelt ins Gesicht zu blicken. Er konnte es nicht. Und irgendwie schwirrt einem Helmut Berger in den Kopf, wenn man »Sein oder nicht sein«, eine Dokumentation über den Schauspieler Lars Eidinger, sieht. Nicht, weil sie sich so ähnlich sind, sondern weil Berger das ist, besser mal war, was Eidinger wohl gerne wäre: ein außerirdisches Wesen von schier unendlicher Faszination, jenseits allem Rationalen, selbstverliebt und verletzlich und deshalb wahnsinnig tragisch anzusehen.

Eidinger hingegen ist ein Drops-Lutscher. Für seine Abschlussarbeit an der Ernst-Busch-Schauspielschule in Berlin hat sich Eidinger die Rolle des Franz Moor aus Schillers »Räuber« ausgesucht. Seine Idee ist, den Monolog, den Moor hält, während im Nachbarzimmer sein Vater stirbt, nicht zu sprechen, sondern zu lutschen; mit einem Bonbon. Alles, was Moor sagt, steckt Eidinger in die Mimik beim Lutschen. Sein Schauspiellehrer sagt im Film, Eidinger habe sich die Rolle damals »erlutscht« und damit ist über Lars Eidinger eigentlich alles gesagt.

Aber es geht so weiter. Eidinger in roter, knapper, samtiger Turnhose bei den Proben zum »Jedermann« in Salzburg. Er macht Sprechübungen und läuft den Saal ab. Allein dieses Turnhöschen! Er kann nichts dafür, es gehört ja zum Kostüm, aber dass er damit auf Stöckelschuhen durch die Sitzreihen läuft, obwohl das vielleicht auch in Jeans und T-Shirt gegangen wäre, nervt, da ist der Film erst zehn Sekunden alt, weil diese verdammte Hose so Eidinger ist.

Dann die nächste Szene, Eidinger bei der Textprobe: Während ihm alle wie gebannt zuhören, erzählt er eine Anekdote vom Eisessen mit seiner Tochter und wie er einem vorbeilaufenden Obdachlosen zwei Euro zusteckt, der daraufhin bitterlich anfängt zu weinen und Eidinger zu seiner Tochter sagt: »Geh, gib ihm noch mal zehn Euro.« In solchen Momenten mache sich doch ein ganzer Kosmos auf, sagt Eidinger und guckt bedeutungsschwer die Kolleg*innen an. Deren Gesichter sagen: Hä? – aber sie verkaufen es Eidinger als Wow. Schauspieler*innen eben. Die wohl cringeigste Szene in einem an cringeigen Szenen nicht armen Film.

Das Obdachlosenthema zieht sich dann auch so durch, weshalb die Vermutung nahe liegt, dass der Film eigentlich eine Gegendarstellung zum Aldi-Tüten-Shitstorm sein soll, der über Eidinger hereinbrach, als er sich mit selbst designter 500-Euro-Streifen-Ledertasche vor einem Obdachlosencamp fotografieren ließ. Er würde ständig, also wirklich andauernd, missverstanden, sagt Eidinger.

Eidinger ist, und das ist wohl sein größtes Talent, ein Phänomen. Es fühlt sich irgendwie besser an, ihn nicht zu mögen. Und so ist auch der Film ein Geschenk an alle Eidinger-Hasser, denn er quillt über vor Szenen, in denen Eidinger eidingersche Dinge tut und sagt. Er vergleicht Schauspielerei mit dem Dasein als Raupe, die zum Schmetterling wird, er versteht nicht, warum Schauspieler*innen jemand anderes sein wollen, er werde erst auf der Bühne er selbst und eine Rolle könne er nur entwickeln, wenn er die richtigen Schuhe dazu trägt (»Ich könnte niemals in meinen Schuhen eine Figur wie Hamlet spielen«). Irgendwann verliert man sich in diesen Blubber-Sätzen, die immer größer sind als das Leben, die Banalitäten als hundertmal durchdachte Poesie verkaufen, Sätze, die immer wie Planeten um ihn selbst kreisen.

Immerhin gelingt es dem Dokumentarfilmer Reiner Holzemer in wenigen Szenen, dem Kern-Charakter Eidingers auf die Schliche zu kommen. Denn Eidinger, so reflektiert er über sich, konnte lange seine Tochter bei Brettspielen nicht gewinnen lassen, das musste er erst lernen. So wie er schon zu Schulzeiten in Berlin-Marienfelde beim Schulwettlauf immer gewinnen wollte, und wenn er dafür vor lauter Anstrengung hinterher ins Gebüsch kotzte.

Der Höhepunkt ist aber eine Sequenz, in der Eidinger den Regisseur des »Jedermann«, Michael Sturminger, während einer Probe zur Schnecke macht, weil der so unverschämt ist, sich mitten in Eidingers emotionalem, spielerischem Höhepunkt, Notizen zu machen und einer Kollegin etwas zuzuflüstern. Eidinger zerplatzt fast vor Wut, läuft rot an und schreit sein fragiles Ego in einer minutenlangen Tirade hinaus, dass man erstaunt darüber ist, wie konsequent drüber Eidinger solche Ausraster inszeniert. Anschließend sieht man die beiden nebeneinander sitzen und Eidinger entschuldigt sich. Das ist dann auch wieder so ein Biedermeier-Exzess, den nur Eidinger hinbekommt. Helmut Berger hätte sich niemals entschuldigt.

Eigentlich ist man nur im Anderen wahr. Ja, ja, auch wieder so eine Eidinger-Erkenntnis. Immerhin ist in knapp 90 Minuten sein Penis nie im Bild.

»Lars Eidinger – Sein oder nicht sein«: Deutschland 2022. Regie, Drehbuch, Kamera: Reiner Holzemer, 91 Minuten, Start 23.3.

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