Carl-Ludwig Reichert: Sie nannten es »Rübeln«

Hippietum als Emanzipationsgeschichte: zum Tod des Musikers und Schriftstellers Carl-Ludwig Reichert

  • Christof Meueler
  • Lesedauer: 6 Min.
Die starren Zustände verflüssigen, auch in der Kleidung: Sparifankal (1.v.l. Carl-Ludwig Reichert).
Die starren Zustände verflüssigen, auch in der Kleidung: Sparifankal (1.v.l. Carl-Ludwig Reichert).

Von Franz Josef Strauß bis Hubert Aiwanger wirkt Bayern schon immer abstoßend – aber auch merkwürdig anziehend. Denn das Land der Gegenreformation, des militanten Katholizismus und der »CSU-Maschine« (Carl Amery), in dem jahrhundertelang Beamte gegen Bauern kämpften, war auch stets ein gutes Gebiet für Streitlust, Freiheitsdrang und Wut.

1976 sang die Band Sparifankal auf ihrem Debütalbum »Bayern-Rock« gegen die »groskopfadn«, die unsagbar blöd seien, weil sie glaubten, »das mia den scheisdreeg schlucka grod wiasn uns seawian, do humsase fei brend des weans scho no kapian.« Dass die Mächtigen sich irren mögen – in Bayern waren Repression und Rebellion oft nicht weit voneinander entfernt, von der Räterepublik bis Gerhard Polt oder eben bei Sparifankal, was auf Hochdeutsch »Teufel« heißt. Die Platte erschien auf Trikont, weil die großen Plattenfirmen abgewunken hatten, während die Spontis damals gerade den »Regionalismus« entdeckt hatten (aus dem sich dann auch die Ökologiebewegung speiste).

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Carl-Ludwig Reichert sang mit schneidender Stimme und spielte Gitarre, staatsferner psychedelischer Folkrock, mit einem Hang zur freien, kollektiven Improvisation, um die starren Zustände zumindest symbolisch zu verflüssigen. »Rübeln« nannte das Till Obermaier, der andere Gitarrist der Band.

Zu Rockmusik im Dialekt zu singen war damals Ausdruck einer oppositionellen Haltung, damit hatte 1971 in Wien Wolfgang Ambros angefangen. Bevor Reichert, der als Jugendlicher in einer Unterhaltungskapelle gespielt hatte, und Obermaier ein Jahr später in München Sparifankal gründeten, hatte Reichert experimentelle Lyrikbände in Mundart veröffentlicht, zusammen mit Michael Fruth unter dem gemeinschaftlichen Pseudonym Benno Höllteufel. Das war einerseits wiederum österreichisch inspiriert, von der Wiener Gruppe (Ernst Jandl, Konrad Bayer, H.C. Artmann, Gerhard Rühm), anderseits aber auch von Bob Dylan, der damals noch als innovativer Protestsänger galt.

Wegen seiner neuartigen Mundartlyrik wurde Reichert vom Bayerischen Rundfunk gefragt, ob er sie nicht einmal im Radio vortragen wollte. Er sagte ja, klar – aber nur wenn er die Musik mitbringen könnte. Durfte er. Die radikalste Musik, die sich der BR getraut hatte zu spielen, war das »Sgt. Pepper’s«-Album von den Beatles, Frank Zappa, Led Zeppelin oder Velvet Underground gab es nicht im Radio, bis Gert Heidenreich den »Sunday Club« erfand, bei dem Reichert dann regelmäßig mitmachte, ebenso wie sein Kumpel Michael Fruth. Das Besondere an dieser Sendung, die Sonntagabend um 23 Uhr lief, war, dass es keine Moderation gab, sondern von den Radiomachern ausgesuchte und/oder selbstverfasste Texte zu der von ihnen ausgesuchten Musik. Radio mit unabhängigem, künstlerischem Anspruch, das demokratisch zugänglich ist – gab es damals nicht und gibt es auch heute fast gar nicht. Eine solche Position ist im quotenfixierten Gedudel verboten, die Ausnahmen sind so wichtig wie rar: »Im Sumpf«, Sonntagabend auf dem Wiener FM4 oder täglich der »Zündfunk« auf Bayern 2, ein legendäres Jugendmagazin, für das auch Reichert arbeitete.

Wobei am legendärsten ist, dass der »Zündfunk« seit fast 50 Jahren überlebt hat. Bemerkenswert auch, dass trotz des offiziell gelabelten juvenilen Anspruchs dieser Sendungen es oft linke, unabhängige Berufsjugendliche im guten Sinne sind, die sie intellektuell am Laufen halten, Leute wie Thomas Meinecke, Klaus Walter, Gudrun Gut (als sie noch Radio machte), Fritz Ostermayer oder Carl-Ludwig Reichert. Weil sie die positiven Erfahrungen von 1968, Hippietum, Punk und Underground weitertransportieren können – als Emanzipationsgeschichte und nicht als eine zwangsläufige Bewegung der Frustration und des Scheiterns.

Carl-Ludwig Reichert wurde 1946 in Ingolstadt geboren. Sein Vater hatte einen kleinen Posten in der Stadtverwaltung und die Vorstellung, sein Sohn würde einmal Studiendirektor oder so etwas Ähnliches werden. Der konnte sehr gut Latein und Altgriechisch, sich sogar darin unterhalten und studierte dann auch in München Altphilologie und Germanistik, entwickelte aber dort ganz andere Vorlieben. Er hauste in einem Kohlenkeller und machte die Bekanntschaft mit den Künstlern der Gruppe Spur, die sich in einem anderen Keller traf und vorübergehend die deutsche Sektion der Situationistischen Internationalen war – für die Auf- und Anregungen der Revolte Ende der 60er Jahre war das sehr bedeutsam. Daraus wurde dann beispielsweise in Westberlin die berühmte Kommune 1, während Reichert in München Besuch von der Horla-Kommune bekam, die radikaler, sozusagen politisch ganzheitlich motivierter war und von der Kommune 1 rausgeschmissen worden war. Sie schliefen mit 13 Leuten in einem sehr großen Bett. Außer schlafen sei da aber nichts passiert, erzählte Reichert später. Für ihn waren das gute Hippies: Als sie weiter nach Südfrankreich zogen, den Grateful Dead hinterher, hätten sie alles aufgeräumt und den Keller geputzt.

Den Kommune-Gedanken hielt Reichert lange hoch. Zwei Freunde von ihm erbten Bausparverträge, und dann ging es ab aufs Land, einen Hof renovieren, um da zu wohnen. Reichert, der fast sein ganzes Leben mit der Literaturwissenschaftlerin Monika Dimpfl zusammen war, hatte dann drei Berufe: Geld verdienen im Radio, Musik machen und Do-it-yourself-Handwerker in einer Baubrigade. Zwischendurch reiste er mit dem Journalisten Claus Biegert zu den First Nations in die USA, um sich nach der spektakulären bewaffneten Besetzung von Wounded Knee in South Dakota mit dem American Indian Movement zu solidarisieren und darüber zu berichten. Später schloss sich Reichert einem alternativen Wanderzirkus mit Musik und Theater an, für ihn eine gute Möglichkeit, das Jahr 1977, als der Staat nach den RAF-Morden repressiver denn je agierte, selbstbestimmt zu überstehen. Vorher hatte er das Brettspiel »Provopoli – wem gehört die Stadt« mitentwickelt. Diese linksradikale Version von Monopoly ist das einzige hierzulande jemals indizierte Erwachsenenspiel. Erst seit 2005 darf es von Jugendlichen wieder gespielt werden. Im Zuge des Ausverkaufs der Städte könnte man heute ein Update gut gebrauchen.

Man soll sich gegenseitig helfen, nicht in die Pfanne hauen und ausbeuten. Deshalb beteiligten sich Sparifankal auch an der Gründung von Schneeball, als fünf Bands, darunter Ton Steine Scherben und Embryo, den ersten alternativen Plattenvertrieb hochzogen, aus dem dann der wichtige Indievertrieb »Energie für alle« (EFA) wurde, der Mitte der Nullerjahre pleiteging, gestorben an einer Überdehnung des Programms. Für die Kleinen zu groß, für die Großen zu klein. Doch der Plattenindustrie ist es danach auch nicht gut ergangen, mittlerweile gibt es weltweit nur noch vier Plattenkonzerne.

Früher wurde in der Popmusik vielleicht nicht mehr ausprobiert, aber das hatte in den Medien einen ganz anderen Stellenwert. Anfang der 80er war Reichert bei Rowohlt Mitherausgeber von »Rock Session«, einem sehr lesenswerten »Magazin der Populären Musik« in Buchform, layoutet wie eine Zeitschrift. Zwischen Soziologie und Chic, damals als Hipness noch kein Schimpfwort war. Wie für viele seiner Generation kam auch für Carl-Ludwig Reichert der Schub der Befreiung aus der Popmusik. Weil sie am schnellsten wirkt. Am 4. September ist er in München gestorben.

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