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Von der Ukraine nach Berlin: Aus dem Krieg in die Werkstatt

Ukrainischer Bildungsminister besucht Kreuzberger Willkommensklasse

  • Marten Brehmer
  • Lesedauer: 3 Min.
Der ukrainische Bildungsminister Oksen Lisovyi im Gespräch mit ukrainischen Berufsschülern
Der ukrainische Bildungsminister Oksen Lisovyi im Gespräch mit ukrainischen Berufsschülern

Es hämmert und klopft in der Werkstatt der Hans-Böckler-Schule in Kreuzberg. Eine Gruppe Berufsschüler sitzt in einem Stuhlkreis und bearbeitet kleine Messingplatten. An der Tafel ist der Querschnitt einer Schraube aufgezeichnet. »Normalerweise laufen hier auch die Öfen zum Schmieden, aber das wäre jetzt zu laut gewesen«, sagt Schulleiterin Karen Seypt.

Bei dem prominenten Besuch weckt das Erinnerungen: »Ich bin in eine Schule gegangen, die an eine Fabrik angebunden war. Wir hatten auch Unterrichtseinheiten in der Werkstatt«, berichtet Oksen Lisovyi. Heute ist der Parteilose ukrainischer Bildungsminister. »Das deutsche System der dualen Ausbildung ist für uns ein Vorbild«, sagt er.

Besonders interessiert sich Lisovyi für die Lage der ukrainischen Schüler in Berlin. Etwa 8000 ukrainische Schüler gibt es in der Hauptstadt, die Mehrheit ist erst im Verlauf der letzten anderthalb Jahre angekommen. Auch an der Hans-Böckler-Schule gibt es eine Willkommensklasse für Ukrainer. In solchen Klassen können Schüler, die noch kein Deutsch sprechen, zunächst fachnahen Sprachunterricht nehmen.

»Definitiv eine Erfolgsgeschichte« nennt Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) die Integration der ukrainischen Schüler gegenüber »nd«. Viele könnten schnell Bildungserfolge vorweisen, erste hätten auch schon Schulabschlüsse gemacht. Die Willkommensklassen hätten dazu einen großen Beitrag geleistet. Bei ihrer Einführung waren die Willkommensklassen umstritten. Kritiker warfen dem Konzept vor, dass die migrantischen Schüler zunächst separiert werden und sich so schwerer in den Schulalltag integrieren können.

»Die Willkommensklassen ermöglichen den Schuleinstieg überhaupt erst«, sagt dagegen Günther-Wünsch. Schüler könnten flexibel in den Regelunterricht wechseln. »Das Ziel ist, dass alle Schüler zeitnah einen Schulplatz zugewiesen bekommen«, so Günther-Wünsch.

Das klappt aber noch nicht in allen Fällen. Zu Beginn des laufenden Schuljahres hatten mehr als 1000 Flüchtlingskinder noch keinen Schulplatz, darunter auch Ukrainer. Auch der 19-jährige Yuri kennt das Problem. Mehrere Monate, nachdem er kurz nach Beginn des Krieges in Berlin angekommen war, sei er nicht zur Schule gegangen, bis er einen Platz in der Willkommensklasse der Hans-Böckler-Schule bekam. »Die Lehrer sind sehr nett hier«, sagt er. Der Schwerpunkt des Oberstufenzentrums spricht ihn allerdings nicht an. »Metallbau ist nicht so meine Sache«, sagt er. Er interessiere sich mehr für Sprachen.

Yuri sieht seine Zukunft in Deutschland. Andere wollen dagegen wieder zurück. »Vielleicht schon nächstes Jahr« hoffe er in die Ukraine zurückzukehren, sagt der 18-jährige Kyrylo. Auch Lisovyi erwähnt immer wieder die Möglichkeit, dass die jungen Leute in die Ukraine zurückkehren. »Vielleicht bauen Sie ja dort mal ein Unternehmen auf mit den Kompetenzen, die Sie hier erworben haben«, sagt er zu der Willkommensklasse.

Dafür müssten aber die Kampfhandlungen enden, worauf aktuell wenig hinweist. In der Bildungsverwaltung stellt man sich darauf ein, dass weiter ukrainische Kinder an Berliner Schulen unterrichtet werden. Um die Unterrichtsversorgung zu verbessern, soll nun das Sprachniveau sinken, das Lehrkräfte in den Willkommensklassen vorweisen müssen. In einem Tandem mit erfahrenen Lehrkräften sollen diese Lehrer künftig Lerngruppen übernehmen und sich weiterbilden. »Die stehen nicht alleine vor der Klasse«, sagt Günther-Wünsch. Eine Kampagne mit Flyern soll Ukrainer zudem besser über Bildungsmöglichkeiten aufklären.

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