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  • Intersektionalität und Geschlecht

Eine Diskriminierung kommt selten allein

Am Cornelia-Goethe-Centrum der Universität Frankfurt wird die herrschende Geschlechterordnung erforscht und kritisiert. Über ihren Schwerpunkt Intersektionalität und Geschlecht spricht die derzeitige Angela-Davis-Gastprofessorin Ann Phoenix

  • Von Tanja Röckemann
  • Lesedauer: 7 Min.

nd: Die akademische Welt ist häufig selbstbezogen und stark von Konkurrenz geprägt. Wissenschaftler*innen nutzen gesellschaftskritische Ideen, um ihre Karrieren aufzubauen. Sehen Sie die Wissenschaft trotzdem als geeigneten Ort für politischen Aktivismus, wo echte Veränderung entstehen kann?

Phoenix: Grundsätzlich denke ich, Menschen müssen, um handeln zu können, sowohl die Gegenwart als auch das zukünftig Mögliche verstehen. Sie haben aber recht, dass es viel wettbewerbsförmige Forschung gibt, wo es nicht um einen wirklichen Wandel hin zu sozialer Gerechtigkeit geht. Auch Wissenschaftler*innen, deren Arbeit man bewundert und für hilfreich hält, verfangen sich in all dem, was sie tun müssen, um in der Akademie voranzukommen. Sie erkennen etwa über ihre Arbeit in all den verschiedenen Ausschüssen nicht mehr, dass trotz all dieser Bemühungen keine wirkliche Veränderung stattfindet.

Die Professorin Sara Ahmed hat zum Beispiel die Wissenschaft verlassen, weil ihre Universität, das Goldsmith College in London, nichts gegen die sexuellen Übergriffe von weißen männlichen Lehrkräften gegen Doktorandinnen und andere Frauen unternahm. Die Universität hat darauf sofort reagiert, mit der Auflegung einer neuen Satzung. Schwarze Wissenschaftler*innen wiederum haben schon oft darauf hingewiesen, wie viel seltener sie befördert werden, und wie relativ gering der Anteil schwarzer Student*innen und anderer Minderheiten gerade an den besten Universitäten ist.

In diesem Zusammenhang vermisse ich allerdings eine Kritik an der Institution der Elite-Universität an sich …

Das stimmt. Trotzdem gibt es hier offensichtlich wichtige »Widerstandsnester«, von denen aus die Dinge neu gedacht werden und auf die Ideen gehört wird, die wirklich wichtig sind.

Die Angela-Davis-Gastprofessur für internationale Gender und Diversity Studies an der Universität Frankfurt wurde im Jahr 2013 eingerichtet. Was ist denn das besondere Anliegen dieses Lehrstuhls?

Es geht hier um die Zusammenführung von Aktivismus und intellektuellem Denken, um Forschung, die zwar universitätsbasiert ist, aber über die Akademie hinausgeht. Diesen Ansatz verkörpert die US-amerikanische Aktivistin und Wissenschaftlerin Angela Davis seit vielen Jahrzehnten, etwa in den Bereichen Antirassismus und Kritik des Gefängnissystems.

Mein eigenes Schwerpunktthema ist der Forschungsansatz Intersektionalität, insbesondere die intersektionale Perspektive auf Geschlecht. Hier geht es zu einen um den relationalen Charakter von Geschlecht, um die damit verbundenen Machtverhältnisse. Zum anderen geht es um die Überschneidung von Geschlecht und sozialer Klasse, Rassifizierung, Nation und anderen gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen.

Die sogenannte Critical Race Theory, zu der Sie bereits vor Jahren publiziert haben, beschäftigt sich ebenfalls mit Rassismus. Die Theorie wurde von der politischen Rechten in den Vereinigten Staaten vor einiger Zeit als Angriffsziel entdeckt, um die Implementierung antirassistischer Programme an Schulen zu verhindern.

Die Vereinigten Staaten sind in Bezug auf die Bewertung von Rassifizierung und Rassismus sehr fragmentiert. Es war offenbar »zu viel« erkämpft worden in antirassistischer Hinsicht, für Schwarze und Hispano-Amerikaner*innen, für rassifizierte Minderheiten im Allgemeinen. Donald Trump hat während seiner Präsidentschaft solche Ressentiments noch geschürt, die zum Beispiel in den sozialen Medien immer weiter aufgepeitscht werden.

Auf der anderen Seite gibt es die Erkenntnis, dass sich in Hinblick auf den Rassismus in den Vereinigten Staaten die Dinge ändern müssen. Hier hat der Mord an George Floyd, der zum Wiederaufleben von »Black Lives Matter« führte, wirklich etwas verändert: Es wird anders nachgedacht über die Geschichte des Kolonialismus, der Versklavung sowie über die USA als einer Siedlergesellschaft, auf deren Territorium bereits Menschen lebten, bevor weiße Briten dort ankamen.

Was ist denn der Unterschied zwischen Intersektionalität und Critical Race Theory?

Critical Race Theory nimmt immer Rassifizierung und Rassismus als Ausgangspunkt. Der Ansatz der Intersektionalität geht hingegen davon aus, dass alle sozialen Kategorien, denen wir angehören, gleichzeitig wirksam sind. Ich möchte das Thema Rassifizierung und Rassismus nicht privilegieren, aber ich möchte auch nicht sagen, dass es keine Rolle spielt.

Meines Erachtens gibt es einen Unterschied zwischen Geschlecht und »Rasse« als rein ideologische Konstrukte und Klasse als realer Struktur, die in einer kapitalistischen Gesellschaft zwangsläufig vorhanden sein muss.

Ich verstehe die Unterscheidung, die Sie machen. Aber ich denke, dass auch soziale Klassen innerhalb einer Gesellschaft konstruiert sind. Und zugleich hat Race, obwohl es ein soziales Konstrukt ist, in Form von Rassismus dennoch großen Einfluss auf das Leben vieler Menschen. Das gilt auch für die Kategorie Geschlecht, die zudem noch dynamisch ist. Gerade hier gab es in den letzten Jahrzehnten enorme Veränderungen: Damit wir jetzt weniger vereinfachend über männlich und weiblich sprechen können, müssen wir über die Pluralität der Geschlechter nachdenken.

Sie haben recht darin, dass soziale Klasse mit gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen und der Positionierung der Menschen in diesen zusammenhängt, wie sie etwa Karl Marx analysiert. Das heißt aber nicht, dass Klasse kein Konstrukt ist, das man nicht ändern könnte, indem man soziale Verhältnisse und die Wertebasis der Gesellschaft rekonstruiert. Zuletzt hat die Pandemie hier vieles in Frage gestellt: Es hat sich zum Beispiel der Wert von Pflegekräften gezeigt und zugleich, wie wenig sie bezahlt werden und dass sie an vorderster Front stehen, was gleichzeitig bedeutet, dass sie nicht zu Hause in Sicherheit bleiben können.

Die sogenannten systemrelevanten Tätigkeiten sind während der Pandemie in den Vordergrund gerückt. Aber zumindest in Deutschland hat das nicht dazu geführt, dass sie besser bezahlt würden. Dafür müssten sich die Leute gegen ihre »Arbeitgeber*innen« organisieren, die mit Pflegeheimen und Krankenhäusern Profit machen. Und selbst wenn diese Arbeiter*innen höhere Löhne bekämen, würden sie immer noch ausgebeutet. Das ist die Objektivität, von der ich vorhin sprach.

Ich stimme voll und ganz zu, dass es keine Veränderungen gab und gibt ohne gemeinsame Kämpfe. Aber wenn man intersektional denkt - was ich richtig finde - lässt sich Klasse nicht von Geschlecht und Rassismus getrennt denken. Beispielsweise profitieren schwarze Menschen häufig nicht in gleicher von Kämpfen um gleiche Bezahlung wie weiße Männer.

Sie beschäftigen sich in diesem Sinne unter anderem mit »Schwarzen Weiblichkeiten«. Können Sie dazu ein paar Worte sagen?

Ein Problem, das schwarze Feministinnen über die letzten 50 Jahre in den Vordergrund gerückt haben, ist die Unsichtbarkeit von schwarzen Frauen in den feministischen Forderungen. In diesem Zusammenhang hat Kimberly Crenshaw in den USA den Begriff der Intersektionalität geprägt, am Beispiel des daraufhin berühmt gewordenen Gerichtsprozesses »DeGraffenreid vs. General Motors« im Jahr 1976. Der Automobilkonzern beschäftigte zwar schwarze Männer für schwere Hebearbeiten und weiße Frauen als Sekretärinnen und Empfangsdamen, aber keine schwarzen Frauen. Laut Crenshaw verloren schwarze Frauen diesen Prozess, weil nicht anerkannt wurde, dass ihre Situation aufgrund der verflochtenen Diskriminierungen wegen Geschlecht und Hautfarbe tatsächlich spezifisch war.

Weiße Feministinnen erkannten häufig nicht, dass ihre Forderungen schwarze Frauen noch weiter unterdrückten oder sie gleich ganz ignorierten. Es ging also darum, schwarze feministische Gemeinschaften und deren Anliegen sichtbar zu machen, damit es soziale Gerechtigkeit geben kann. Für eine echte Gleichstellung der Geschlechter darf man die Rassifizierung und die spezifischen Probleme von Frauen der Arbeiterklasse nicht außer Acht lassen.

Vermutlich ist es für kritische Forschung unerlässlich, mit politischem Aktivismus außerhalb der Universitäten verbunden zu sein. Die Universität Frankfurt, an der sie derzeit lehren, hat ja selbst eine ausgeprägte linke Geschichte, Stichwort »1968«. Aber vor allem seit den 80er Jahren werden linke, insbesondere marxistische Professoren und Theorien an deutschen Universitäten stark diskreditiert.

Stimmt, es gibt derzeit wenig Wissenschaftler*innen, die sich selbst als marxistisch bezeichnen. Das hat sich im Laufe der Jahre verändert, was aber nicht heißen soll, dass es nicht dieselbe Aufmerksamkeit für die Kategorie Klasse gibt oder dass weniger darüber nachgedacht wird, was sich in der Gesellschaft verändern muss. Große Veränderungen haben sich allerdings zum Beispiel dahingehend ergeben, dass es früher viel mehr Institute für Frauenforschung gab. Sie wurden häufig in andere Disziplinen wie Soziologie oder Geisteswissenschaften integriert und wurden in Gender Studies umbenannt.

Das heißt aber nicht, dass zumal die Student*innen nicht politisch aktiv sind. Sie haben beispielsweise für die Entkolonialisierung der Curricula an den Universitäten gekämpft, was durch die »Black Lives Matter«-Bewegung einen echten Schub bekommen hat. Es gibt an den Universitäten immer noch viele wirklich zukunftsorientierte Menschen, die sich der intellektuellen Strenge, aber auch der sozialen Gerechtigkeit verschrieben haben.
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