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Lust zu sterben

Der neue Bond-Film »No Time to Die« will vielen seiner Traditionen treu bleiben, gleichzeitig zeigt er, dass etliche davon nicht mehr zeitgemäß sind. Das Ergebnis ist überraschend

  • Von Bahareh Ebrahimi
  • Lesedauer: 5 Min.

Liebling, ich bin getötet worden. Ich liege in einer Blutlache auf dem Boden und warte auf deine Rückkehr.

So ungefähr beginnt der von Sheryl Crow gesungene Titelsong des James-Bond-Films »Der Morgen stirbt nie« (1997). Und so ungefähr sieht es auch in einer typischen James-Bond-Welt aus: Der 007-Agent ist mitten in einer Mission, womöglich die Welt zu retten, das zigste »Bond-Girl« ist – schon wieder – tot; es gibt einen kleinen Moment der Trauer, einen letzten Abschiedskuss vielleicht, einen Martini darauf – und zack, ist Bond wieder bereit für die nächste Mission. Und für die nächste Liebesaffäre. Dazwischen etwas Autofahrerei und Schießerei. Kino à la Männerfantasien: »Martinis, Girls and Guns« heißt es in besagtem Titelsong.

Damit ist nun Schluss! Wenn auch nicht ganz. Im neuen Bond-Thriller »No Time to Die« (»Keine Zeit zu sterben«) von US-Regisseur Cary Joji Fukunaga, in dem Daniel Craig zum fünften Mal in der Titelrolle spielt, ist Bond, der schon im vorherigen Film »Spectre« (2015) auf dem Weg vom Macho zum etwas menschlicheren, sogar verletzlicheren Mann war, nun an dem Punkt angekommen, wo er keine Frau mehr verführen muss/will. Denn, hey, das sogenannte Bond-Girl – das ab jetzt Bond-Woman heißen soll – ist noch das alte! Sie lebt noch! Wahnsinn!

Die Rede ist von James Bond und nicht von 007. Nicht ohne Grund, weil 007 nun Nomi heißt und eine Afrobritin ist (gespielt von Lashana Lynch). Der alte Held hat sich vom Dienst für den MI6 zurückgezogen und will seine Ruhe haben – kommt natürlich nicht zur Ruhe, weil er bald von seinem CIA-Freund darum gebeten wird, bei einer Mission mitzumachen.

Da die ursprünglichen KGB-Agenten nicht mehr in sind und der alte Gegenspieler Blofeld (Christoph Waltz) auch mehr oder weniger erledigt ist, braucht es einen neuen Bösewicht. So kommt Lyutsifer Safin (Rami Malek) ins Spiel. Ein junger Psychopath, der seine ganz persönliche Rache üben will. Mit seinem durch Gift entstellten Gesicht erinnert Safin etwas an den von Jack Nicholson verkörperten Joker in Tim Burtons »Batman« (1989), dessen Gesicht auch verätzt ist, nachdem er in ein Becken voller Säure stürzte.

Wie der Joker hat auch Safin nun eine Leidenschaft für Gifte. Doch statt mit einer Giftgas-Parade durch die Stadt zu ziehen, tötet Safin seine Opfer gezielt mit einer genbasierten Biowaffe, die eigentlich in einem Geheimlabor vom MI6 entwickelt wurde und nun in falschen Händen landete. Die Menschheit ist dadurch wieder in Gefahr.
So weit ist das eine typische Bond-Geschichte mit einigen Anspielungen auf andere Kultfilme. »No Time to Die« dient letztlich als Unterhaltungsfilm, und als solcher möchte er vielen seiner Traditionen treu bleiben; gleichzeitig zeigt er, dass etliche davon nicht mehr zeitgemäß sind.

Daher wurden einige Änderungen im Plot vorgenommen, es gibt sogar manche Überraschung dabei. Es hat auch eine Frau beim Drehbuch mitgewirkt, die britische Schauspielerin und Drehbuchautorin Phoebe Waller-Bridge, neben Neal Purvis, Robert Wade und Cary Joji Fukunag. Das ist bemerkenswert, denn außer bei den ersten zwei Bond-Verfilmungen »James Bond jagt Dr. No« (1962) und »Liebesgrüße aus Moskau« (1963), bei denen Johanna Harwood am Stoff mitgeschrieben hat, gab es bisher keine Autorin im Team.

Doch dass 007 nun eine Frau ist, bleibt ziemlich oberflächlich, sie hat keine besonders wesentliche Rolle im Film, wirkt eher wie ein weiteres »Bond-Girl«, das in einigen Szenen auftaucht, etwas mitkämpft und wieder verschwindet. Die Geschichte ist sowieso für James Bond geschrieben. Der alte Held darf halt noch der alte Held bleiben. Doch die Nebenfiguren können ruhig etwas für Diversität und Korrektheit sorgen, aber eben nicht mehr.

Wie nun also ein entsprechendes Gefecht aussieht, lässt sich anhand einer Szene gut beschreiben: Die Mission bringt Bond, die neue 007 Nomi und eine weitere Geheimdienstagentin namens Paloma (Ana de Armas) zusammen nach Kuba, wo sie Blofelds Killer abwehren müssen. Auf der einen Seite der muskulöse Bond, auf der anderen Seite die anfangs nervös wirkende und nicht ernst zu nehmende schöne Paloma, die stolz darauf ist, drei Wochen trainiert zu haben, (und für einige Lacher sorgen muss) und die im rückenfreien Abendkleid ihre Kampfkünste zeigt. Und irgendwo dazwischen schießt auch die taffe und durchtrainierte Nomi vor sich hin, denn auch sie muss beweisen, was die neue 007 draufhat.

Für jeden Geschmack etwas dabei! Es wirkt eher wie eine Parodie. Das ist das Spiegelbild einer verzweifelten Welt, deren alte Helden sich längst als belanglos, sexistisch und überflüssig entpuppt haben, aber die sich noch schwertut, von ihnen Abschied zu nehmen. So kommt es, dass 007 erstmals an Bedeutung verlieren muss, damit Bond weiterhin im Mittelpunkt bleibt. Doch Daniel Craig hat es geschafft, sich von der Rolle zu verabschieden. Das ist seine letzte Bond-Darstellung. Ob das heißt, dass im nächsten Film etwa Nomi ihre ganz eigene Geschichte haben kann, wird sich zeigen.

»No Time to Die«: USA/UK 2021. Regie: Cary Joji Fukunaga. Buch: Purvis & Wade, Cary Joji Fukunaga, Phoebe Waller-Bridge. Mit: Daniel Craig, Rami Malek, Léa Seydoux, Lashana Lynch, Christoph Waltz. 163 Minuten.

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