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  • Buchpreis für Antje Rávik Strubel

Das Räuspern

Antje Rávik Strubel gewinnt den Deutschen Buchpreis

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Deutsche Buchpreis geht dieses Jahr an Antje Rávik Strubel für ihren Roman »Blaue Frau«. Zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse wurde dieser Preis am Montagabend für den »Roman des Jahres« vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergeben.

»Das Thema ist herb, das Lob groß«, fasst die Deutsche Presse-Agentur zusammen. Es geht in »Blaue Frau« um die Erinnerung an eine Vergewaltigung: Eine junge Frau aus Tschechien sitzt ohne Geld in einer winzigen Wohnung in Helsinki und überlegt, ob sie ihren Vergewaltiger noch ein Jahr später anzeigen soll. Dafür gibt es Organisationen, die einem dabei helfen. Sie müsste eine E-Mail schreiben, doch sie zögert. Und kämpft mit ihren Erinnerungen, die sie nicht richtig ordnen kann.

Es sei ein »aufwühlender Roman«, befand die Jury: »In einer tastenden Erzählbewegung gelingt es Antje Rávik Strubel, das eigentlich Unaussprechliche einer traumatischen Erfahrung zur Sprache zu bringen.« Das stimmt. Von allen sechs Romanen, die auf der Shortlist des Buchpreises standen, ist dies der am kunstvollsten erzählte, mit verschiedenen Zeitebenen, Einblendungen und Vorschauen. Bis auf »Zandschower Klinken«, eine spinnerte Ost-Story von Thomas Kunst, war das eine sehr konventionelle Konkurrenz. Denn so ein Gewinnerbuch muss kommensurabel sein, nicht zu schwer, aber auch nicht zu blöd.

Am lustigsten war »Identitti«, der erste Roman von Mithu Sanyal, eine polemische Komödie über das Laberland in Universität und Internet, in dem es »auch um das Lieblingsthema des deutschen Feuilletons: die sogenannte Cancel Culture und Identitätspolitik« geht, wie Nelli Tügel in dieser Zeitung schrieb. Am politischsten war allerdings der stilistisch konventionellste Roman: »Eurotrash« des stets unter Dekadenzverdacht veröffentlichenden Christian Kracht, der auch schon auf der Shortlist des Leipziger Preises gestanden hatte. Kracht liefert hier ein brillantes Sittenbild der Macken und Müdigkeiten der Bourgeoisie, durchaus biografisch inspiriert: Der Vater von Christian Kracht heißt auch Christian Kracht und war stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des Axel-Springer-Konzerns. Das Buch sollte sich jede linke Gruppe als Schulungsmaterial besorgen, wie übrigens auch »Johann Holtrop« von Rainald Goetz.

In »Blaue Frau« geht es dagegen um die Probleme des ökonomisch auf Dauer gestellten Ost-West-Konflikts. Zuerst denkt man, alle totalitarismustheoretische Schuld würde der untergegangenen Sowjetunion zugeschoben, wie es der Liebhaber der Hauptfigur Adina, ein estnischer Politikprofessor und Diplomat, predigt. Doch dann ist es das westliche Europa, in dem Adina droht verloren zu gehen. Den Professor lernt sie in dem Hotel kennen, in dem sie arbeitet bzw. ausgebeutet wird. Sie begleitet ihn auf einen EU-Empfang und hört dann hinter sich ein Räuspern. »Das Räuspern war schütter und leise. Ein trockener Automatismus aus einer Kehle ohne Fleisch. Ein Geräusch, das vom Tod kam.«

Es ist der Mann, der sie vergewaltigt hatte, als sie in Deutschland war, als Praktikantin bei einem obskuren Ost-West-Projekt in der Uckermark. Er war dort zu Besuch gewesen, ein »uralter Mann in Turnschuhen«, ein »Multiplikator«. Das Räuspern war ihr damals als Erstes aufgefallen. Der Anfang einer Katastrophe, über die sie nicht sprechen kann.

Aber wer ist die »Blaue Frau«? Eine Figur, die zwischendurch auftaucht, wie verloren in Gedanken, und darüber spricht, wie man sich artikuliert. Anfänglich denkt man, sie spreche mit Adina. Aber dann wird klar, sie fordert Antje Rávik Strubel auf, dieses Buch zu Ende zu schreiben. Nicht zu einem guten Ende, sondern zu einem guten Buch.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau. S. Fischer, 432 S., geb., 24 €.

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