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  • »Was rot war« von Enrico Ippolito

Gramsci weint Blut

»Was rot war«: Enrico Ippolitos Romanversuch über die Kommunistische Partei Italiens und die »Frauenfrage«

  • Von Nelli Tügel
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Kommunistische Partei Italiens, der PCI, war mit fast zwei Millionen Mitgliedern und Wahlergebnissen zwischen 25 und 34 Prozent eine starke, wenn nicht die bedeutendste Kommunistische Partei Westeuropas - in jedem Fall die größte außerhalb der sozialistischen Staaten. Als solche besaß der PCI eine umfangreiche Parteipresse (etwa die Tagezeitung »L’Unità«), bearbeitete intensiv den Kulturbereich und betrieb einen großen Apparat an Hauptamtlichen. Außerdem ermöglichte er jungen Kadern eine Ausbildung an seinen Parteischulen.

In einer solchen Schule, dem Istituto di Studi Comunisti Palmiro Togliatti in Frattocchie am Rand von Rom, treffen sich in Enrico Ippolitos Debütroman »Was rot war« Cruci und Lucia, zwei junge Frauen aus sehr unterschiedlichen Elternhäusern: Cruci entstammt einer kommunistischen Arbeiterfamilie in Palermo, Lucia einer römischen bürgerlichen Familie, ihr Vater ist Parteifunktionär. Einer Freundschaft steht das aber nicht im Wege, die beiden werden unzertrennlich, zumindest solange sie Frattocchie besuchen. Es ist Ende der 70er Jahre, der 1973 von PCI-Generalsekretär Enrico Berlinguer ausgerufene »Historische Kompromiss« liegt bereits ein paar Jahre zurück; Berlinguer hatte nach dem Putsch in Chile den PCI auf eine Zusammenarbeit mit den »demokratischen« Parteien ausgerichtet, was nicht alle gut finden, vor allem die außerparlamentarische Neue Linke nicht. Die Roten Brigaden entführen und ermorden 1978 Aldo Moro, Anführer der Christdemokraten und ehemaliger Ministerpräsident - sozusagen Berlinguers konservativer Partner beim Kompromisse schließen. Kurz darauf beginnt die Geschichte von Cruci und Lucia.

Die Spaltungen innerhalb der italienischen Linken bleiben allerdings erzählerisches Beiwerk: Im Zentrum des Romans stehen andere Entfremdungen. Die zwischen Cruci und Lucia, deren Lebenswege sich zunächst trennen, als Cruci mit Antonio, ebenfalls Alumni der Schule des Kommunismus, in die BRD zieht: nach Köln, wo in den 80er Jahren alle möglichen Exil-Kommunist*innen organisiert und aktiv sind - auch die des PCI. Dieses Köln ist eine fast noch spannendere Kulisse als Frattocchie, leider bleibt es bei wenigen Szenen.

Die erst nur räumliche Distanz zwischen den beiden Freundinnen weitet sich später zum Bruch aus. Das hat etwas mit der »Frauenfrage« zu tun, die im Roman eine wichtige Rolle spielen soll, dabei aber eigentümlich leer bleibt: Lucia, in Rom geblieben und dort für die Partei tätig, nutzt Ende der 80er Jahre ihre Position aus, um Antonio aus dessen Posten in Köln zu kicken - wegen des Feminismus, und weil sie irgendwie findet, Cruci werde von ihrem Mann politisch untergebuttert. Danach herrscht Funkstille, erst als Lucia mehr als drei Jahrzehnte später stirbt - allein und verbittert -, reist Cruci nach Rom, um der Beerdigung beizuwohnen.

Eine weitere Entfremdung, um die sich die Geschichte dreht, ist jene des Sohnes von Cruci und Antonio - Rocco - von dem, woran seine Eltern einst geglaubt und dem sie einen Teil ihres Lebens verschrieben haben. Rocco weiß eigentlich nichts vom PCI oder Frattocchie oder Lucia, es hat ihn auch nie so recht interessiert. Nach dem Tod seines Vaters sinniert er darüber, was für ein Mann der war: »Was ich ganz sicher weiß: Er war Kommunist.« Warum? Weil auf vielen Fotos verschwommene Parteiflaggen im Hintergrund wehen.

Als dann noch die ihm bis dahin unbekannte Lucia stirbt und er die Erschütterung seiner Mutter darüber spürt, möchte Rocco mehr wissen, über die beiden und darüber, was sie am PCI hatten. Schlau wird man aus dieser Suche allerdings nicht so recht. Was eigentlich die Sogkraft einer kommunistischen Massenpartei ausmachte, worum es dabei politisch ging, wie der Eurokommunismus den PCI veränderte, was die »Frauenfrage« jenseits von Postenverteilung bedeutete und warum heute wirklich nichts mehr übrig ist von alldem - das bleibt das große Mysterium von »Was rot war«.

Mitunter geraten die Versuche, beiläufig etwas von diesen Fragen zu klären, stattdessen unfreiwillig komisch. Zum Beispiel, wenn Cruci in der Vereinsbibliothek des Kölner Exil-PCI frustriert feststellt, dass die Werke Rosa Luxemburgs, der einzigen weiblichen Autorin, »die in all den meterhohen Regalen vertreten war«, offenbar nicht ausgeliehen werden von den Genoss*innen: »Der Schutzumschlag war unversehrt. Sie hatte dafür gesorgt, dass ihr Mann sie in die Bibliothek des Kulturvereins aufnahm, hatte ihn regelrecht gezwungen.« Viele KPs waren Männervereine, es lag bestimmt einiges im Argen - aber eine zu geringe Luxemburg-Huldigung konnte man ihnen wirklich nicht nachsagen.

Zum Mystisch-Komischen passt dann auch die Erscheinung, die Rocco in einer großartig absurden, herzerfrischend ehrlichen Abschlussszene hat: Im ehemaligen Hauptquartier des PCI in Rom, dem Bottegone, sitzen heute Bank- und Finanzunternehmen, die Gramsci-Büste ist allerdings noch da. Als er sie betrachtet, weint Gramsci Blut - wie eine Madonna. Besser kann man es nicht in ein Bild übersetzen: Der westeuropäische Massenkommunismus ist zusammengeschrumpft auf eine religiöse Erscheinung, unbegreiflich, aber irgendwie doch erhebend in seinem alten Glanz. Oder so: Rot sind nur noch Gramscis Zaubertränen.

Enrico Ippolito: Was rot war. Kindler, 283 S., geb., 20 €.

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