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Wo Antisemitismus beginnt

Berlin startet Aufklärungskampagne zur Sensibilisierung für Judenfeindlichkeit

  • Von Louisa Theresa Braun
  • Lesedauer: 4 Min.
Sigmount Königsberg (Mitte) findet, dass die Plakatkampagne gegen Antisemitismus »ein starkes Zeichen für Toleranz und Vielfalt« in Berlin setze.
Sigmount Königsberg (Mitte) findet, dass die Plakatkampagne gegen Antisemitismus »ein starkes Zeichen für Toleranz und Vielfalt« in Berlin setze.

Allein im ersten Halbjahr 2021 gab es in Berlin laut der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) Berlin 522 antisemitische Vorfälle. Die Berliner Polizei registrierte in diesem Zeitraum 161 antisemitische Straftaten. Doch nur etwa zehn Prozent der Betroffenen von Gewalttaten erstatten Anzeige oder nehmen Hilfe in Anspruch. »Es gibt also eine hohe Dunkelziffer«, sagt Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) am Montagvormittag bei der Vorstellung der neuen Kampagne »Das ist Antisemitismus« vor dem Alten Stadthaus in Mitte - dem Amtssitz der Innensenatorin.

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Die Plakatkampagne unter dem Motto »Hinsehen, Erkennen und Handeln« richtet sich bewusst nicht an Betroffene, sondern an Zeug*innen antisemitischer Vorfälle. »Der Kampf gegen Antisemitismus ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Jede Berlinerin und jeder Berliner kann auf Vorfälle achten und sie zur Anzeige bringen«, appelliert Spranger. So solle das Dunkelfeld aufgedeckt und Antisemitismus zielgerichteter bekämpft werden. Da Antisemitismus jedoch oft nicht auf den ersten Blick erkennbar sei, sollen vier verschiedene Plakatmotive für dessen verschiedene Facetten sensibilisieren. Gewalt beginne oft im Alltäglichen, Sprache habe daran einen »erheblichen Anteil«, erklärt die Innensenatorin. Hinter einem vermeintlichen Witz sei die passiv-aggressive Intention trotzdem verletzend. Deshalb trägt das erste Plakat den Slogan »Das ist Antisemitismus, kein Witz«.

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Das zweite Plakat - »Das ist Antisemitismus, keine These« - soll darauf hinweisen, dass klar diskriminierende Aussagen nicht als Meinung toleriert werden dürfen. Viele Verschwörungserzählungen, die gerade in der Corona-Pandemie kursieren, haben zum Beispiel eindeutig antisemitische Bezüge. Auch Konflikte um verschiedene Standpunkte seien »als Denkmantel für Formen der Gewalt« nicht hinnehmbar, so Spranger über den weiteren Slogan »Das ist Antisemitismus, kein Streit«. Weiter geht es mit »Das ist Antisemitismus, kein Reim«. »Künstlerische Freiheit endet dort, wo die Rechte anderer verletzt werden«, sagt die Innensenatorin, während die Plakate vor dem Alten Stadthaus enthüllt werden.

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Die Motive sollen also darauf aufmerksam machen, dass Antisemitismus mit »Kleinigkeiten« beginne: »Zum Beispiel, wenn es heißt, wir sind keine richtigen Deutschen. Oder wenn wir für das Handeln des Staates Israel verantwortlich gemacht werden«, sagt Sigmount Königsberg, Beauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gegen Antisemitismus, bei der Vorstellung der Kampagne. Wer entsprechend aufmerksam sei, lasse antisemitische Diskriminierung nicht ohne weiteres geschehen. »Keine Toleranz gegenüber Intoleranz!«, zitiert Königsberg dazu den Philosophen Karl Popper.

Gleichzeitig setze die Kampagne »ein starkes Zeichen für Toleranz und Vielfalt in unserer Stadt«, findet Königsberg und bedankt sich in dem Zusammenhang für die »vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen der Senatsverwaltung für Inneres und der jüdischen Gemeinde«. Als Beispiel nennt er einen Runden Tisch gegen antisemitische Gewalt, in dessen Rahmen die Dunkelziffer als Problem erkannt wurde.

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Die Plakatkampagne wurde von der Landeskommission Berlin gegen Gewalt gemeinsam mit Expert*innen aus anderen Verwaltungen sowie der Zivilgesellschaft entwickelt und aus dem Fonds zur Unterstützung von Betroffenen politisch-extremistischer Gewalt und Bedrohung finanziert. Dieser 2020 eingerichtete Unterstützungsfonds soll Menschen zugute kommen, die Antisemitismus, Rassismus oder andere Formen der Diskriminierung und Gewalt erfahren.

In den kommenden zwei Wochen werden die vier Motive an mehreren Hundert Standorten im Stadtbild sichtbar sein, in Form von Plakaten auf Großflächen oder Stromkästen, als Bewegtbild zum Beispiel im »Berliner Fenster«, den Bildschirmen in Bussen und Bahnen, oder auch als Postkarten. So sollen die Berliner*innen zum Nachdenken darüber angeregt werden, was Antisemitismus alles bedeuten könne. »Ich wünsche mir persönlich von den Berlinerinnen und Berlinern, dass sie bei antisemitischen Vorfällen noch mehr hinsehen und handeln«, sagt Iris Spranger.

Auch nach den zwei Wochen werde die Kampagne noch weitergeführt, zum Beispiel mit Aufklärungsmaterial für den schulischen und außerschulischen Bildungsbereich. Dafür habe die neue Berliner Regierung auch im kommenden Haushalt Gelder vorgesehen. »Antisemitismus hat in Berlin keinen Platz und darf in Berlin keinen Platz haben«, erklärt Spranger.

»Das ist Antisemitismus« sei die bundesweit erste Aufklärungskampagne dieser Art. Am 21. Januar startet ein weiterer Kampagnenteil zum Thema antimuslimischer Rassismus - auch in diesem Bereich gebe es eine große Dunkelziffer an Vorfällen.

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