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Lasst uns in Frieden (31): Das andere Russland

Jewgeni Jewtuschenko und die Lehren aus Babij Jar

  • Von Erik Zielke
  • Lesedauer: 2 Min.

Der Ort Babij Jar - in Deutschland erschreckend unbekannt - steht für 48 Stunden im Jahr 1941. 48 Stunden, in denen an dieser am Stadtrand von Kiew befindlichen Schlucht mehr als 30 000 Juden durch Wehrmacht und SS erschossen wurden. So ist Krieg, der nie ohne Verbrechen an der Bevölkerung auskommt.

Vor wenigen Wochen wurde wieder von Babij Jar gesprochen: Die russische Armee hatte nach ihrem verachtenswerten Einmarsch in die Ukraine vollkommen geschichtsvergessen auf den Ort geschossen. In den vergangenen Jahren war er, geschichtslos auch das, zu einem beliebten Ziel vergnügter Sonntagsspaziergänger geworden.

Zur Bekanntheit der Geschehnisse in der Ukraine während der deutschen Okkupation hat der russische Dichter Jewgeni Jewtuschenko mit seinem erstmals 1961 veröffentlichten Langgedicht »Babij Jar« wesentlich beigetragen: »Über Babij Jar stehen keine Denkmäler«, lautet der erste Vers. Die Erinnerung musste erst geborgen werden. Gegen den Militarismus, das Lebensfeindliche, die Verrohung bedient sich der Autor des einzig probaten Mittels: mehr Menschlichkeit im Kampf gegen die Entmenschlichung. Die Besinnung darauf, dass die Kriegsopfer vor allem eben das sind: Menschen.

»Mir scheint jetzt«, dichtete Jewtuschenko, »ich bin ein Jude.« Mit wem sonst sollte man die Verbrüderung suchen angesichts der Gräueltaten als mit den schuldlos Getöteten? Heute, wenn wir Bilder von Kriegsverbrechen in der Ukraine sehen, sind wir erschrocken. Wie sollte man auch nicht erschüttert sein? Aber dieser Krieg dauert schon die sechste Woche, und der Glaube an irgendeinen Krieg ohne Massaker ist Verblendung. Russische Bomben fallen nicht zufällig auf ein Krankenhaus oder ein Theater. Ukrainische Molotowcocktails werden gebaut, um den Feind lebendig zu verbrennen.

Jewtuschenko konnte schreiben, was heute schwerfällt zu glauben: »Oh, du mein russisches Volk! Ich weiß, du / bist deinem Wesen nach internationalistisch.« Und räumte doch selbst ein, der Name Russlands sei allzu oft missbraucht worden. Auch jetzt sterben russische Soldaten und sterben nicht für Russland, sondern für Putins Krieg. Diese Unterscheidung sollte auch zu treffen bereit sein, wer von hier eifernd nach Moskau blickt.

Optimistischer, als man es sich heute auch nur zu träumen traut, endet das Gedicht: »Die ›Internationale‹ mag ertönen, / wenn für immer begraben ist / der letzte Antisemit auf dieser Erde. / In meinen Adern fließt kein jüdisches Blut. / Aber es hassen mich, mit wuterfülltem schwieligen Haß, / alle Antisemiten wie einen Juden. / Und deshalb bin ich ein wirklicher Russe!«

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