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TV-Rechtepoker auf dem Rücken der WM-Fußballerinnen

Ausgerechnet vor dieser WM lieferten sich die Fifa und Europas große Fernsehsender ein Duell um die hohen Lizenzgebühren einer Übertragung

  • Oliver Kern
  • Lesedauer: 4 Min.
Bei ihrem DFB-Pokalsieg war das Fernsehen dabei. Nicht auszudenken, wenn Alexandra Popp auch in Australien eine Trophäe erhält, und niemand daheim sieht zu.
Bei ihrem DFB-Pokalsieg war das Fernsehen dabei. Nicht auszudenken, wenn Alexandra Popp auch in Australien eine Trophäe erhält, und niemand daheim sieht zu.

Nur 37 Tage waren übriggeblieben, als es endlich zu einer Einigung kam. So lange hatten Fernsehsender und der Weltverband Fifa die Fans der Fußballerinnen aus Deutschland, England, Frankreich, Spanien und Italien zittern lassen, ob sie TV-Bilder von der WM Down Under sehen würden, die an diesem Donnerstag beginnt. Bis zum 14. Juni hatte es keinen Fernsehvertrag für diese Länder gegeben. Man stelle sich das bei einer Männer-WM vor. Nun ja, einige boykottierten das Turnier in Katar. Da aber die jetzigen Gastgeber Australien und Neuseeland weniger umstritten sind, wollen doch viele wieder Tore, Jubel und Tränen sehen. Ein bislang einmaliger Rechtepoker hatte das lange Zeit bedroht, und wie so oft ging es ums liebe Geld.

Fifa-Präsident Gianni Infantino würde das nie offen zugeben, schließlich ist der Verband in seiner Schweizer Heimat ein Verein mit steuerlichen Privilegien. Dass es mit der Rechtevergabe so lange gedauert hat, lag ihm zufolge nur an den TV-Sendern, die nicht willig gewesen seien, »zur schnelleren Förderung des Frauenfußballs« beizutragen. Infantino klagte über zu niedrige Gebote, die mehr als hundertfach unter denen für die Männer-WM 2022 in Katar gelegen hätten. Das sei inakzeptabel.

Frauen und Männer nicht mehr im Paket

»Natürlich interessieren wir uns für die Rechte«, hatte ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky entgegengehalten, doch ein Erwerb müsse »wirtschaftlich darstellbar« sein. Die zu erwartenden Werbeeinnahmen seien weit geringer als bei Männerturnieren. Dass es auch der Fifa nicht nur um die Frauenförderung ging, zeigte sich daran, dass sie mit der Europäischen Rundfunkunion schon im Herbst 2022 einen Vertrag mit 28 kleineren Gebieten geschlossen hatte. Jene fünf Nationen, die stets das meiste Geld zahlen, waren aber ausgeklammert. Und die Fifa drohte nun offen, die Rechte in jenen Kernmärkten gar nicht zu verkaufen.

Doch wie kam es zu der Eskalation? Lange waren Frauenturniere für die Fifa ein Zuschussgeschäft. Erst mit der WM 2019 und der EM 2022 schossen die TV-Einschaltquoten in die Höhe. Also entschied der Verband, erstmals die TV-Lizenzen nicht mehr als Anhängsel im Paket mit den Männern zu veräußern, sondern gesondert auszuhandeln. Infantinos Vergleich mit der WM 2022 in Katar ist insofern unzutreffend, da in jenem Paket, das ARD und ZDF angeblich 214 Millionen Euro gekostet haben soll, auch eine Frauen-WM (2019) enthalten war.

Doch wie viel ist die allein wert? Angeblich boten ARD und ZDF bis zu 15 Millionen Euro, bestätigt wurde das nie. Infantino wollte mehr. Im Zuge der höheren Quoten und der Debatte um Equal Pay hatte die Fifa die WM-Prämien und Abstellgebühren auf gut 150 Millionen US-Dollar verdreifacht – ein begrüßenswerter Schritt. Die Refinanzierung sollten jedoch die großen TV-Sender übernehmen.

Nicht zur Primetime in Europa

Nur spielten die nicht mit. Eine WM so weit von der Heimat steigere die Produktionskosten, hieß es. Außerdem sind die Sendezeiten ungünstig. Die drei deutschen Gruppenspiele etwa beginnen in der Heimat nicht zur abendlichen Primetime, sondern zwischen 8.30 und 10 Uhr morgens. Rekordquoten sind damit illusorisch, weswegen Privatsender offenbar gar nicht ins Wettbieten eingestiegen waren.

Nach der wachsenden Kritik an der Fifa rund um die Männer-WM in Katar fühlten sich ARD und ZDF anscheinend bestärkt, nicht mehr jede Windung der Bezahlschraube mitzudrehen. Auch wenn dies nun ausgerechnet die Übertragung eines Frauenturniers bedrohte, hatten viele Gebührenzahler genau das seit Langem gefordert. Gegner dieser Strategie argumentierten damit, dass der Medienstaatsvertrag vorschreibe, Großereignisse wie Olympia und Fußball-Weltmeisterschaften frei empfangbar zu übertragen. Eine Unterscheidung zwischen Männern und Frauen werde hier nicht gemacht. Das ist zwar richtig, doch die Pflicht zur Übertragung besteht überhaupt nicht. Der Vertrag spricht lediglich ein Verbot aus, nur verschlüsselte Angebote auszusenden. Da es die aber bei der Frauen-WM nicht gibt, drohte also tatsächlich der TV-Blackout.

Zum Glück für die Fußballerinnen und ihre Fans ist er noch abgewendet worden. Für wie viel Geld ist unklar. Obwohl gebührenfinanziert, rücken ARD und ZDF mit den genauen Zahlen nie raus – offiziell, weil sie Teil eines Vertrags sind. Und natürlich sagt auch die Fifa nicht, wie viele Millionen sie den Sendern abgeknöpft hat. Am Bild der Geldscheffelmaschine soll doch bitte nicht weiter gemalt werden.

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