Kornél Mundruczó: Keine Frage der Perspektive

Kornél Mundruczós Bühnen-Triptychon »Parallax« um Identität und Selbstbild war am HAU Berlin zu sehen

Zwischen Verschleiern und Enthüllen: Mundruczó lässt in seinen Theaterarbeiten mit der Kamera voll draufhalten.
Zwischen Verschleiern und Enthüllen: Mundruczó lässt in seinen Theaterarbeiten mit der Kamera voll draufhalten.

Es sind diese drei, denen wir über die nächsten zwei Stunden folgen werden: Éva, Jónás und Léna. Schauplatz der dialogreichen Selbstauseinandersetzungen ist die Wohnung von Éva in Budapest. Sie, Mutter und Großmutter, begegnet uns auf der Bühne bereits als alte Frau (Lili Monori), die bis zum Tod nicht loslässt, wie sie ins Leben geworfen wurde. Die Kasernenstraße in Auschwitz ist als Geburtsort verzeichnet. Die Tochter einer Insassin fand sich als Neugeborenes im Todeslager wieder – und wurde eine Überlebende. Es ist ein Trauma, das über mehr als eine Generation reicht.

Léna (Emőke Kiss-Végh), Évas Tochter, will vor allem eines: weg von hier, raus aus dem – nicht erst seit gestern – illiberalen und antisemitisch geprägten Ungarn. Mit ihrem Sohn Jónás (Erik Major) geht sie nach Berlin. Beide kehren sie nach dem Tod Évas zurück in das Land, in dem sie geboren wurden.

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»Parallax« heißt dieser Theaterabend nicht zufällig. »Als Parallaxe«, so weiß eine Online-Enzyklopädie, »bezeichnet man die scheinbare Änderung der Position eines Objektes durch verschiedene Positionen des Beobachters.« Und so ändern wir bei Kornél Mundruczós jüngstem Bühnenstreich mehr als einmal die Position und verfolgen nicht zuletzt den Positionswechsel, der sich durch die verschiedenen Gegenspieler ergibt.

Im ersten Teil der Inszenierung, der uns Éva im Jahr 2013 präsentiert, sehen wir sie nur durch die Fenster in ihrer Wohnung; darin wird sie live gefilmt. Zwei Bildschirme über dem Geschehen zeigen mal sie, mal ihre Tochter, mal die ganze Person, mal ein Detail. Dass diese Mittel aber derartig genutzt würden, dass hier tatsächlich Aussagen zu der schweren Frage nach Identität getroffen würden, kann man auch beim besten Willen nicht behaupten.

Éva weiß, was die Zuschreibung »Jüdin« bedeuten kann. Und so versucht sie, deren ganzes Leben so sehr vom Holocaust geprägt war, sich einer objektivierbaren Zuordnung von außen zu entziehen. Ihre Tochter, die unter der verlorenen Kindheit als Nachkömmling einer Shoah-Überlebenden leidet wie unter dem gesellschaftlichen Stigma, dem sie in Ungarn ausgesetzt ist, will ihre Familiengeschichte zumindest dafür nutzen, der Heimat den Rücken zu kehren und nach Deutschland zu gehen. Die jüdische Gemeinde soll dafür sorgen, dass ihr Sohn einen Schulplatz in der Ferne bekommt.

Jónás, der uns hier als hedonistischer Durchschnitts-Twentysomething aus Berlin präsentiert wird, scheint die Frage kalt zu lassen, ob er jüdisch ist oder nicht. Am Vorabend der Bestattung von Éva bleibt er über Nacht in deren Wohnung – und vergnügt sich zwischen Koks und Analverkehr auf orgiastische Weise mit vier Männern. Der Fernsehrealismus, in dem der ganze Bühnenabend gehalten ist, ist einigermaßen befremdlich. In diesen Szenen bekommt er, trotz progressivem Anspruch, aber etwas ungewollt Biederes. Ist das, was hier verhandelt wird, wirklich Stoff für ein Kammerspiel?

Anhand von Jónás wird ein weiterer identitätspolitischer Widerspruch exemplifiziert: Stellt sich bei den ungarischen Figuren noch die Frage nach offenem oder verborgenem schwulen Leben, fühlt er sich unwohl mit dieser Art der Kategorisierung und begreift sich als fluide Liebender und Lebender. Im letzten Teil der Inszenierung trifft auch Léna in Budapest ein, stößt auf die Hinterlassenschaften von Jónás’ exzessiver Abendgestaltung und kommt am Ende in versöhnlich-kitschiger Weise mit sich, mit ihrer Mutter, mit ihrem Sohn ins Reine.

Was jüdisches Leben in Europa nach der Shoah eigentlich bedeuten kann – dazu gibt die Inszenierung keinen Anstoß. Antisemitismus und Homophobie in Ungarn überhaupt zum Thema zu machen (wo Kornél Mundruczós Arbeiten mittlerweile unerwünscht sind), ist sicher verdienstvoll. Aber die allzu salomonische Reaktion auf das Dilemma der Identitätspolitik scheint unangemessen. Unter diesen Vorzeichen zeigt sich auch die Nebeneinanderstellung von Holocaust-Erfahrung und Queerness als äußerst schwierig. Es ist nicht alles eine Frage der Perspektive, nicht alles nach Gefühlslage verhandelbar. Die Rampe von Auschwitz ist Realität. Eine Realität, die mit dem Sterben der letzten Zeugen nicht weggewischt ist.

»Parallax« wird auch in Hamburg, Paris, Genf, Mailand, Athen, Strasbourg und Orléans gezeigt.
www.protontheatre.hu

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