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Machtspiele mit schmutzigem Geld

Golfprofis streiten über eine aus Saudi-Arabien finanzierte Konkurrenz zur reichen PGA Tour. Dabei geht es auch um ihre Rechte am eigenen Bild. Die Geschichte eines beispiellosen PR-Desasters

  • Oliver Kern
  • Lesedauer: 9 Min.
Im saudischen Royal Greens Golf Club bei Dschidda fanden schon viele hochkarätige Golfturniere statt. Immer mehr Profis haben nun aber Bauchschmerzen dabei, die Gagen des Regimes anzunehmen.
Im saudischen Royal Greens Golf Club bei Dschidda fanden schon viele hochkarätige Golfturniere statt. Immer mehr Profis haben nun aber Bauchschmerzen dabei, die Gagen des Regimes anzunehmen.

»Naiv, eigensinnig, egoistisch, ignorant. Dazu enttäuschend und traurig.« Dem nordirischen Golfprofi Rory McIlroy fielen viele harsche Adjektive ein, mit denen er vor gut einer Woche seinen US-Kollegen Phil Mickelson beschrieb. Golfspieler bezeichnen einander sonst nicht so, es herrscht ein ungeschriebener Höflichkeitskodex. Daher war das schockierend, und doch hatte es jeder kommen sehen. Irgendwann musste der Druck einfach aus dem Kessel. Und schnell waren sich die Spieler einig: Mickelson hatte die deftigen Worte verdient. Schließlich war er mitverantwortlich dafür, dass ein lange schwelender Streit zum Ausbruch gekommen war.

McIlroy, Mickelson und Hunderte andere Spieler sind Multimillionäre. Verdient haben sie ihr Geld auf der PGA Tour, eine ganzjährige Turnierserie die jede Woche aufs Neue mindestens 3,7 Millionen Dollar Preisgeld an etwa 150 Spieler verteilt. Nicht selten sind es mehr als zehn Millionen. Beim Fnialturnier 2022 wird allein der Sieger unfassbare 18 Millionen Dollar einstreichen. Die Spieler, die es bis in die PGA hinauf schaffen, haben also definitiv keine Finanzsorgen. Und doch ging es in diesem Streit darum, noch mehr Geld einzusacken. Egal, woher es kommt.

2019 waren erstmals Berichte aufgetaucht, dass eine Konkurrenzserie geplant sei. Hinter den Kulissen locke sie Stars schon mit Antrittsgagen in Millionenhöhe. Gut spielen müsse man also gar nicht mehr. Auch umfasse diese Tour weniger Turniere, Urlaubszeiten wären länger. Das schien verlockend. Es gab nur ein Problem: Der Veranstalter LIV Golf Investments wird vom saudi-arabischen Staatsfonds PIF finanziert. Dieser betreibt seit Jahren mit dem Kauf von europäischen Fußballklubs oder dem Ausrichten diverser Großveranstaltungen »Sportswashing«. Diese Form, das schmutzige Image eines Landes durch glänzende Events aufzupolieren, wurde auch oft Ländern wie Katar oder zuletzt China bei den Olympischen Winterspielen in Peking vorgeworfen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte damit kein Problem. Auch Fußballer in England, Frankreich oder Deutschland spielen für Geld, das aus zweifelhaften Quellen kommt. Ein paar Golfprofis aber hatten plötzlich Probleme damit. McIlroy lehnte schon 2019 eine millionenschwere Turniereinladung aus Saudi-Arabien mit den Worten ab: »Da will ich nicht spielen. Das geht schon moralisch nicht.«

Dem Königreich werden reihenweise Menschenrechtsverstöße angelastet. Dennoch hielten sich die Gerüchte, knapp 40 Spieler würden einen Wechsel zur Saudi-Liga erwägen. »So ziemlich jeder aus den Top 100 der Weltrangliste ist angesprochen worden«, behauptete Mickelson Anfang Februar. Doch überlaufen wollte zunächst niemand, denn die PGA Tour drohte mit harten Konsequenzen: Ihr Kommissar Jay Monahan hatte schon Anfang 2020 jedem, der sich der Konkurrenz anschließt, mit einem lebenslangen Bann auf der PGA gedroht. Ob er diesen juristisch durchsetzen kann, ist zweifelhaft, aber immerhin führte die Drohung dazu, dass kein Profi öffentlich den Absprung wagte.

Ob Phil Mickelson, der im vergangenen Frühjahr mit 50 Jahren noch mal die PGA Championship, eines der vier Major-Turniere, gewonnen hatte, tatsächlich wechseln will, ist auch noch unklar. Gesichert scheint jedoch, dass er die PGA und die Saudis gegeneinander ausspielen wollte. Im November rief er den Journalisten Alan Shipnuck an, der an einer Biografie über ihn arbeitet, um Stoff für das Werk zu liefern. Vor einer Woche machte Shipnuck - als kleiner Teaser für sein Buch recht nützlich - Aussagen öffentlich, in denen der Golfstar zugibt, die neue Tour sei reines »Sportswashing« eines brutalen repressiven Regimes. »Das sind beängstigende Arschlöcher, mit denen man nichts zu tun haben will. Wir wissen, die haben eine schreckliche Menschenrechtsbilanz und Jamal Khashoggi getötet. Die bringen Leute um, weil sie schwul sind«, soll Mickelson gesagt haben. »Warum also würde ich nur daran denken, da mitzumachen? Na weil es eine einmalige Gelegenheit ist, die PGA Tour zu verändern.« Schließlich werde die wie eine Diktatur geführt und von »widerlicher Gier« gelenkt, so Mickelson weiter. »Das Geld der Saudis gibt uns endlich ein Druckmittel, mit dem wir Veränderungen in der PGA Tour durchsetzen können.«

Auf diese Weise wollte er womöglich die PGA Tour auf das moralische Niveau der saudischen Herrscher herabziehen, doch er erreichte genau das Gegenteil. Binnen einer Woche bekannten sich nahezu alle Stars, vom spanischen Weltranglistenersten Jon Rahm bis zum Olympiasieger Xander Schauffele (USA) zur PGA Tour. Genüsslich fragte Rory McIlroy am Ende der Welle: »Wer ist noch übrig? Mit wem wollen die denn eine neue Tour starten?« Mickelson dagegen hat sich eindeutig verpokert. Dem sechsfachen Major-Sieger flogen seine Pläne um die Ohren, und schließlich veröffentlichte er eine Entschuldigung. »Ich hatte immer nur die besten Interessen des Golfsports, meiner Kollegen, der Sponsoren und Fans im Blick«, schrieb er darin. Er habe Shipnuck nicht genehmigt, seine Aussagen zu veröffentlichen - was dieser vehement bestreitet -, und sie seien aus dem Kontext gerissen. Da aber auch Mickelson keinen Kontext lieferte und nicht bestreitet, all das gesagt zu haben, machte die Entschuldigung nichts besser.

»Ich bereue meine Worte, die rücksichtslos waren und Menschen beleidigten«, schrieb er zwar. Ob er damit aber die Saudis oder die Führung der PGA meinte, ließ er offen. Letztere erwähnte er nicht einmal, dafür sagte er, dass seine Partner von LIV Visionäre seien. »Sie lieben Golf und teilen meinen Wunsch, das Spiel zu verbessern.« Dass sie dafür Blutgeld nutzen wollen, stört Mickelson offenbar immer noch nicht.

Buchautor Shipnuck hatte durch Spielsucht ausgelöste Geldprobleme Mickelsons als Motiv für seine Mitarbeit an der Konkurrenztour angeführt. Und das, obwohl der Golfer in seiner Karriere rund 800 Millionen Dollar verdient haben soll, knapp 90 Prozent davon allein von Sponsoren, schließlich galt er im ewigen Duell mit Tiger Woods als Publikumsliebling. Dass aber tatsächlich etwas dran ist an der Spielsuchttheorie, ließ sich aus den Abschlussworten von Mickelsons Statements schließen: »In den vergangenen Jahren habe ich gespürt, wie Druck und Stress mein Leben immer mehr beeinflusst haben. Ich brauche unbedingt eine Auszeit, um daran zu arbeiten, der Mann zu werden, der ich sein will.«

Inhaltlich zeigte Mickelson keine Reue: »Golf braucht dingend Veränderungen, und echtem Wandel gehen immer Erschütterungen voraus«, zeichnete er ein Selbstporträt von sich als Märtyrer. »Ich habe mich an die Front gestellt, um den Wandel einzuläuten, auch im Wissen, dass ich dafür öffentlich angegriffen werde.«

Tatsächlich hatte er einige legitime Kritikpunkte vieler Spieler gegenüber der PGA Tour aufgegriffen, die auch auf anderen Ebenen des Weltsports heiß diskutiert werden - vor allem das Recht am eigenen Bild. So verbietet die Tour Spielern beispielsweise, Videos von herausragenden Schlägen in sozialen Medien online zu stellen und damit Geld zu verdienen. »Die Tour steht seit vielen Jahren auf dem Standpunkt, dass sie alle Medienrechte besitzt, also auch für die Highlights. Die könnten in NFT (Non-Fungible Token, in diesem Fall einmalige digitale Sammelkarten, Anm. d. Autors) umgewandelt und an Fans verkauft werden«, schrieb Alan Shipnuck über Mickelsons Ideen.

Die Basketball-Profiliga NBA hat damit vor knapp einem Jahr begonnen, und seitdem wurden ikonische Momente in Form von NFT bereits für mehr als 600 Millionen Dollar gehandelt. Die fünfprozentige Transaktionsgebühr bei jedem Verkauf wird dann unter den Spielern verteilt. »Die Tour sitzt auf Milliarden in Form von potenziellen NFT«, so Mickelson. »Wir Spieler könnten weitere Millionen mit dem digitalen Content auf unseren sozialen Kanälen verdienen. Uns sollte das alles gehören. Wir haben die Schläge gespielt, wir haben diese Momente kreiert, wir sollten von ihnen profitieren. Die PGA Tour braucht das Geld nicht. Die sitzen schon auf einem Berg von 800 Millionen Dollar.«

Doch so einfach ist das nicht. Der Verkauf der Medienrechte, vor allem für Fernsehübertragungen, ist die Haupteinnahmequelle der PGA Tour. Davon wiederum werden jene horrend hohen Preisgelder finanziert, die dann an die Spieler gezahlt werden. Eine nachvollziehbare Argumentation lautet: TV-Sender würden nicht mehr so viel für die Rechte bezahlen, wenn die Fans sich die Bilder einfach etwas später auf den Plattformen der Spieler ansehen könnten. »Wenn eine Liga ihre Medienrechte nicht kontrolliert, würde die Struktur zusammenbrechen, und das Geld nicht mehr ins System kommen. Das macht jede große Sportorganisation so«, sagte auch Rory McIlroy, der als Spielervertreter in diversen Gremien der Tour sitzt.

Immerhin beteiligen die großen Sportligen in den USA die Athleten über Preisgelder oder gewerkschaftlich ausgehandelte Gehälter an den Einnahmen. Beim IOC sieht das ganz anders aus. Auch das nimmt das meiste Geld durch Medienrechte ein. Forderungen der Athleten, daran beteiligt zu werden, wurden bislang immer komplett abgelehnt. Dabei würde Skilangläuferin Victoria Carl sicher gern etwas an einem NFT ihres Goldlaufs von den Winterspielen in Peking verdienen. Doch wer kreierte diesen Moment? Die TV-Produzenten mit spannender Regie, Kamerafahrten und dem mitreißenden Live-Kommentar von Jens Jörg Rieck, das IOC mit der Vorbereitung und Durchführung des Wettbewerbs oder doch die Athletinnen mit ihren Leistungen? Solange Sportler einfach nur teilnehmen und nicht gemeinschaftlich für eine Beteiligung streiten, sitzen sie jedenfalls am kürzesten Hebel von allen.

Das weiß auch Phil Mickelson, weshalb er im Geld der Saudis eine Verlängerung seines Hebels sah. Videos seiner berühmtesten Schläge dürften mindestens sechstellige Summen Wert sein. Die Tour der Saudis hätte den Spielern die Rechte am eigenen Bild übertragen, hieß es. Ob das stimmt, lässt sich nicht überprüfen. Allerdings war zuletzt einem internen Memo zu entnehmen, dass die PGA Tour an einer eigenen NFT-Plattform arbeite, die als Einnahmequelle für Spieler genutzt werden soll.

Hat Mickelson also doch gewonnen? Das lässt sich nur mit einem klaren Nein beantworten. Der gefallene Star hat mehrere langjährige Werbepartner verloren und muss mit einer Suspendierung rechnen. Von den durch neue TV-Verträge gestiegenen Preisgeldern wird er somit vorerst auch nicht profitieren. Vor allem aber hat sein Image gelitten. Der einst gefeierte Publikumsliebling warf anderen »widerliche Gier« vor und wurde selbst zum Sinnbild dafür. Darüber verlor er auch den Rückhalt seiner Kollegen. Peter Malnati, ein weiterer Spielervertreter auf der PGA, urteilte nun: »Phil nennt andere gierig, und gleichzeitig sabotiert er diese anderen, nur um für sich selbst mehr Geld zu scheffeln. Das ist pure Ironie.«

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