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Poesie und Gezeter

Der Dichter Thomas Rosenlöcher ist gestorben

  • Von Erik Zielke
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Lyrik ist eine seit Jahrzehnten sträflich minderbeachtete Gattung. Wer liest noch Gedichte? Wer spricht öffentlich darüber? Eine der wenigen strahlenden Institutionen der Dichtkunst ist das »Jahrbuch der Lyrik«, das von 1979 bis 2021 alljährlich von dem Lektor und Verleger Christoph Buchwald mit je einem dichtenden Kompagnon herausgegeben wurde. 1992 war die Reihe an Thomas Rosenlöcher. Das ist naheliegend, hatte der 1947 in Dresden Geborene sich doch bereits einen Namen gemacht: Nach einem betriebswirtschaftlichen Studium und einer Tätigkeit in dem Bereich begann er mit dem Schreiben, studierte am Leipziger Literaturinstitut »Johannes R. Becher« und lebte seit den 80er Jahren als freier Schriftsteller. Bald hatte er erste Kinderbücher und viel beachtete Lyrikbände vorgelegt. Auch im westlichen Landesteil sprach man bald von Rosenlöcher: Zum Einheitstaumel trat er als scharfsichtiger Kritiker eines Zeitgeistes auf, dem es gerade an Geist mangelte.

Als Mitherausgeber des »Jahrbuchs der Lyrik« sah Thomas Rosenlöcher nicht nur auf die gesellschaftlichen Verwerfungen jener Jahre - wie er es etwa in den Bänden »Die verkauften Pflastersteine. Dresdener Tagebuch« und »Ostgezeter. Beiträge zur Schimpfkultur« getan hatte -, sondern auf die Dichtkunst zweier ungleicher Länder. Er kannte selbstverständlich den Formenreichtum, verschiedene Traditionslinien und Schulen, aber die Einsendungen aus den uralten Bundesländern stifteten Ratlosigkeit. Rosenlöcher beklagte »dieses Nicht-mehr-sagen-können-wollen«, das ihn weder anziehe noch abstoße, sondern nur urteilslos zurücklasse. Es waren dies die schlimmsten Auswüchse des Postmodernismus, die in jedem Gedicht nur die Unmöglichkeit zum Erkenntnisgewinn zelebrierten.

Rosenlöcher aber wusste mit seinen Versen etwas Welterkenntnis weiterzugeben. Mit mikroskopischen Beobachtungen erzählte er von den größeren Zusammenhängen. »Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!«, ließ Brecht uns Nachgeborene wissen über die finsteren Zeiten, die er durchlebte. Rosenlöcher konnte im ausgehenden 20. Jahrhundert zum Naturlyriker werden und es im neuen Jahrtausend bleiben, weil es ihm immer auch um ein entfremdetes Naturgeschöpf ging, das uns alle angeht: den Menschen. In seinem Garten, davon gab er uns lyrisch Auskunft, markierte er mit seinem aufgestützten Ellenbogen den Mittelpunkt der Welt. Der Dichter geht immer von sich selbst aus, dieser Dichter tat das mit Sinn für die Feinheiten, mit Heiterkeit und mitunter mit einer verblüffenden Ironie.

Nicht nur von Dresden und seiner erzgebirgischen Wahlheimat aus bedichtete er die Welt, sondern er war unermüdlich als Vortragender unterwegs. Einmal erlebte ich, noch in krisenbehafteter Adoleszenz, den Lyriker in der nordostdeutschen Provinz. Er brachte alles mit, was man in diesen Breitengraden und vor allem in diesem Alter eher mit Spott bedacht hat: ein, vielleicht auch trotziges, Festhalten am sächsischen Dialekt, einen regelrechten Enthusiasmus für die Kraft der Sprache und ein fast schon zärtlicher Blick auf die Natur. Nach seinem Auftritt waren nicht wenige, auch ich, verändert, bekehrt - zumindest was die Begeisterung für Gedichte anging.

Jahre später konnte ich nochmals dem Homme de Lettres lauschen, dieses Mal in Frankfurt am Main. Rosenlöcher war nicht nur beeindruckender Dichter, ein hörenswerter Interpret seiner eigenen Werke, sondern auch ein für sich einnehmender Anekdotist. 1990, erzählte er, wurde er in eine westdeutsche Großstadt eingeladen und dort mit den Worten begrüßt: »Willkommen in Deutschland!« Er brauchte, ganz Dichter, nur wenige Worte, um formelhaft zu sagen, was vor sich geht.

Der Poet Thomas Rosenlöcher, dem einmal der Vers geglückt war: »Daß alles Schaun nur Abschied war«, ist in der vergangenen Woche gestorben.

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