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Gegen den Erz-Germanomanen

Der Berliner Aufklärer Saul Ascher warnte die Welt bereits 1815 vor der schrecklichen »Germanomanie«

  • Von Jakob Ole Lenz
  • Lesedauer: 14 Min.
Langfristige Folgeschäden der Germanomanie: 1926 wird in einer Schule ein Zitat von Johann Gottlieb Fichte an die Wand gemalt.
Langfristige Folgeschäden der Germanomanie: 1926 wird in einer Schule ein Zitat von Johann Gottlieb Fichte an die Wand gemalt.

Als Saul Ascher 1815 seine Flugschrift über die »Germanomanie« veröffentlichte, war er schlagartig in aller Munde. Unmut schlug ihm entgegen, vor allem von den Apologeten des Frühnationalismus, des nach der Niederlage gegen Napoleon grassierenden deutschtümelnden Vergemeinschaftungswillens. Ascher war ein Berliner Spätaufklärer. Der streitbare Publizist hatte sich in seinen frühen Schriften vor allem im innerjüdischen Diskurs der Haskala, der jüdischen Aufklärung ab Ende des 18. Jahrhunderts, einen Namen erworben, nun war er weit darüber hinaus bekannt. Heute, im 200. Todesjahr von Ascher, ist er trotz der Fülle seiner Schriften und der zentralen Bedeutung in seiner Zeit, nur einem kleinen Kreis von Judaist*innen und anderen Geisteswissenschaftler*innen bekannt. So wissen nun nur Wenige von Aschers Kritik am Nationalismus und Antisemitismus seiner Zeitgenossen.

Es war der Dramatiker und Autor Peter Hacks, der Ascher wieder einem größeren Publikum vorstellte - als »einer von meinen Leuten«. Kurz nach der »Wiedervereinigung« genannten Eingliederung der DDR in die BRD und dem damit einhergehenden nationalen Hochgefühlen gab Hacks im Berliner Aufbau Verlag drei Bände zu Ascher heraus: die »Germanomanie« gemeinsam mit einer Auswahl anderer Schriften Aschers, einen Nachdruck von Friedrich Ludwig Jahns »Deutsches Volksthum« von 1810 und seinen eigenen Essay »Ascher gegen Jahn. Ein Freiheitskrieg«. Doch Schriften von Sozialisten und DDR-Etatisten wie Hacks waren in jenen Tagen eher mäßig nachgefragt, die große Aufmerksamkeit blieb aus.

Hacks fokussiert sich, seinem programmatischen Essaytitel folgend, auf eine kontrastive Gegenüberstellung von Ascher und dem »Turnvater« Jahn, mit dem er in Hack’scher Manier abrechnet. Jahn sei »der Vertreter des ›Alt- und Starkdeutschtums‹, wie es schwitzt und pisst, und alle nationalistischen Scheusale nach ihm ähneln ihm ein wenig.« Um wenig später, geradezu abschließend, hinzuzufügen: »Er geht durch das Rüpelspiel unseres vaterländischen Grobianismus, als wäre er der Ewige Arier persönlich.« Es fällt nicht schwer zu erahnen, dass es Hacks nicht ausschließlich um das frühe 19. Jahrhundert und sein historisches Personal ging, sondern um eine politische Konstellation. Aktuell ist die »Hacks-Kassette« nur noch antiquarisch zu erwerben, ein Nachdruck im Eulenspiegel-Verlag ist geplant.

Aufklärung und politische Romantik

Doch gegen wen kämpfte Ascher in seiner Zeit, wer war der Adressat seiner »Germanomanie«-Schrift? Hier muss eine Figur näher in den Blick genommen werden: Johann Gottlieb Fichte, der idealistische Philosoph und Verfasser der »Reden an die deutsche Nation«. Der Kernpunkt der »Germanomanie« ist die Kritik an der Abkehr vom Universalismus und eine Pathologisierung der Deutschtümelei als affektive Störung, worauf bereits das Suffix ›-manie‹ im Titel des Werkes hinweist. Es ging Ascher vor allem um die idealistische System- und Identitätsphilosophie sowie, wie sein Biograf William Hiscott schreibt, die »sich politisierende Romantik (, in der) Ascher eine gefährliche Konkurrenz zu den politisch-philosophischen Prinzipien der Aufklärung« sah. Die politische Romantik, so Aschers nicht unbegründete Befürchtung, führe zu einer Vergemeinschaftung und Partikularisierung der Menschen entlang völkischer Kriterien. Neben dem französischen Feindbild würden auch die in Deutschland weitgehend emanzipierten Juden als »Gegenpol zum deutschen Wesen dargestellt und als negative Folie für den nationalen Selbstfindungsprozess instrumentalisiert«, wie Marco Puschner in »Antisemitismus im Kontext der Politischen Romantik« feststellt .

Die aus dem deutschnationalen Zeitgeist entspringende Dynamik beschrieb Ascher wie folgt: »Man muss die Menge, um auch sie für eine Ansicht oder Lehre einzunehmen, zu begeistern suchen; um das Feuer der Begeisterung zu erhalten, muss Brennstoff gesammelt werden, und in dem Häuflein Juden wollten unsere Germanomanen das erste Bündel Reiser zur Verbreitung des Fanatismus hinlegen.« Ein Satz, der auch Aschers Gespür für die Gefahren des aufkeimenden Antisemitismus zeigt. Wie richtig er damit lag, zeigt die verbreitete Verbindung von Nationalismus und Judenhass unter den führenden intellektuellen Köpfen der damaligen Zeit.

Exemplarisch dafür liest sich die Rezension von Friedrich Rühs judenfeindlicher Schrift »Ueber die Ansprüche der Juden auf das deutsche Bürgerrecht« durch den Fichte-Schüler Jakob Heinrich Fries. Fries wurde 1819 aufgrund seiner geistigen Urheberschaft der antisemitischen »Hep-Hep-Unruhen« zeitweise sein Lehrstuhl in Jena entzogen. In seiner Besprechung erwähnt er auch Saul Ascher als Vertreter einer vermeintlich zersetzenden »Judenkaste« und rät der Regierung, den Juden »nach alter Sitte wieder ein Abzeichen in der Kleidung« aufzunötigen, um sie besser zu erkennen. Rühs Schrift selbst war in ihrer ersten Auflage von 1815 der Auslöser für Aschers antivölkischen Gegenschlag. Und nun blieb der zu erwartende Aufschrei nach Aschers Angriff nicht aus. Hans Ferdinand Maßmann, Student und Aktivist der Jahn’schen Turnerbewegung, war es schließlich, der die Verbrennung der »Germanomanie« anlässlich des Wartburgfestes zum Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig am 18. Oktober 1817 organisierte. In seiner »Kurzen und wahrhaftigen Beschreibung des großen Burschenfestes auf der Wartburg« heißt es da: »Wehe über die Juden, so da festhalten an ihrem Judenthum und wollen über unser Volksthum und Deutschthum spotten und schmähen!«

Der Judenhass von Fichte

Doch Ascher ging es vor allem um Fichte selbst. Der Name des bereits 1814 verstorbenen Philosophen findet sich ganze sieben Mal in der »Germanomanie«. Das ist aus gleich mehreren Gründen interessant: Erstens wird, im Gegensatz zu anderen »Germanomanen«, nicht auf ein spezifisches Werk direkt Bezug genommen, zweitens wird Fichte hier als einer der »Restauratoren der neuen Lehre« bezeichnet und drittens ist es nicht das erste Mal, dass Ascher sich explizit an Fichte abarbeitet.

So widmete er sich bereits 1794 äußerst kritisch Fichtes Frühwerk, insbesondere den Schriften »Versuch einer Critik aller Offenbarung« von 1792 und »Beitrag zur Berichtigung der Urtheile des Publikums über die Französische Revolution. Zur Beurtheilung ihrer Rechtmäßigkeit« von 1793. Die »Critik« erschien anonym, wurde zunächst Immanuel Kant zugeschrieben und als dessen religionsphilosophisches Alterswerk gefeiert. Als der berühmte Königsberger Philosoph den Irrtum richtigstellte und seinen 1762 geborenen Schüler Fichte als Verfasser nannte, erlangte der bis dato völlig unbekannte Hauslehrer aus Rammenau bei Bautzen philosophischen Ruhm. Es folgte eine Karriere in der Wissenschaft, zunächst als Professor in Jena und später als Rektor der 1809 gegründeten Universität zu Berlin. Als diese Hochschule ein Jahr später ihren Lehrbetrieb aufnahm, fanden sich dort zahlreiche Professoren, die sich der politischen Romantik zuordnen lassen.

Ascher nahm sich beide Schriften Fichtes vor: Auf den »Beitrag« antwortete er mit seiner Monografie »Eisenmenger der Zweite. Nebst einem vorangesetzten Sendschreiben an den Herrn Professor Fichte in Jena«, in der er Fichtes Revolutionstheorie im Ganzen und seinen Angriff auf Juden im Besonderen minuziös seziert. Der Titel spielt auf den Heidelberger Hebraisten Johann Andreas Eisenmenger an, der 1700 sein über 2000 Seiten starkes Traktat »Entdecktes Judenthum« veröffentlichte - eine umfangreiche Sammlung an Vorurteilen und Verleumdungen, von Ritualmord- und Brunnenvergiftungslegenden über falsche Übersetzungen von Passagen des Talmuds und tendenziösen Interpretationen der Zitate von Rabbinern bis zur Forderung nach der Zerstörung von Synagogen. Fast 100 Jahre später attestiert nun Ascher, dass Fichte »eine neue Epoche des Judenhasses« einläute. Und tatsächlich bringt Fichte in seiner Revolutions- und Gesellschaftstheorie dem Judentum ein besonderes Interesse entgegen. Er beschreibt einen jüdischen »Staat im Staat«, der als Gefahr für die Gesellschaft und Menschheit an sich zu sehen sei.

Obwohl also Fichte in seiner sonst eher progressiven Schrift das unveräußerliche Recht eines jeden Menschen nennt, dem Gesellschaftsvertrag bei- oder auszutreten, schreibt er dem Juden aber religiös-immanente Wesenszüge zu, die grundsätzlich unvereinbar mit der universalistisch-republikanischen Idee seien. Um dennoch die Menschenrechte der Juden zu wahren - »Menschenrechte müssen sie haben, ob sie gleich uns dieselben nicht zugestehen; denn sie sind Menschen, und ihre Ungerechtigkeit berechtigt uns nicht, ihnen gleich zu werden« - , wartet Fichte hier mit zwei Vorschlägen auf. Einerseits beschreibt er eine Art Frühform des Zionismus: »Um uns vor ihnen zu schützen, dazu sehe ich wieder kein ander Mittel, als ihnen ihr gelobtes Land zu erobern, und sie alle dahin zu schicken.« Andererseits, und das während des historischen Faktums des Guillotinierens und vor Napoleons Eroberungsfeldzügen in Palästina, lautet Fichtes Alternative in derselben Fußnote: »Aber ihnen Bürgerrechte zu geben, dazu sehe ich wenigstens kein Mittel, als das, in einer Nacht ihnen alle Köpfe abzuschneiden und andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee sey.« Wie sehr dieser Vorschlag des Abschneidens von Köpfen bei Fichte wörtlich gelesen werden sollte, ist in der modernen Fichte-Rezeption umstritten. Ascher setzt, in dem er von den »neueren Begebenheiten in Frankreich« schreibt, Fichtes Zitat allerdings direkt in den Kontext des Tugendterrors und resümiert: »Wer hätte denken sollen, dass eben das Kopfabschneiden in Deutschland solche Anhänger finden sollte, die eine ganze Nation durch dieses Experiment schon gebessert sehen.«

Was Ascher bei Fichte kritisierte, ist das Postulat unveränderlicher (beziehungsweise lediglich durch den maximalinvasiv-chirurgischen Austausch von Köpfen änderbare) Wesensmerkmale. Und das lange vor der Erfindung des Rassenantisemitismus, dem erst mit Joseph Arthur de Gobineaus »Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen« von 1853 der biologistische Boden bereitet wurde. Der Schluss von Aschers »Eisenmenger der Zweite« mutet geradezu prophetisch an, wenn er Fichte als Begründer einer neuen Generation des politischen und moralischen Judenhasses tituliert: »Wenn er«, womit er Fichte als Nachfolger des ersten Eisenmengers meint, »solche Nachfolger wie dieser haben sollte, dann Heil meiner Nation und der ganzen Menschheit!« Aus der von Fichte begründeten »neuen Lehre« lässt sich, so Ascher später in der »Germanomanie«, »denn erklären der rohe und abschreckende Ton, in welchem (…) gegen Judentum und Juden losgestürmt ward«. Im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts steigerte sich das zum Vernichtungsantisemitismus.

Spöttische Gesellschaftskritik

Zwischen »Eisenmenger der Zweite« von 1794, der »Germanomanie« von 1815 sowie der drei Jahre später erschienenen Schrift »Die Wartburgs-Feier«, in der Ascher die Verbrennung seines Buches aufgreift und den deutschen Nationalismus und dessen Protagonisten wie Fichte, Jahn und Ernst Moritz Arndt wiederholt und schärfer kritisiert, erschien 1808 das anonym veröffentlichte »Kabinet Berlinischer Karaktere«. Dieses Buch wird von der Historikerin Renate Best, die 2010 einige vor allem religionsphilosophische Texte Aschers herausgab und dessen publizistisches Schaffen erhellte, Saul Ascher zugeordnet. Im »Kabinet« werden eine ganze Reihe an zeitgenössischen Berliner Intellektuellen vorgestellt, manchmal wohlwollend, oftmals abschätzig und ironisch persiflierend. Das Porträt Fichtes zeigt, dass Ascher dessen neuere philosophische Entwicklung durchaus verfolgte, seine Meinung über ihn aber keineswegs änderte. Ascher macht sich über Fichtes Vorlesungen lustig, zunächst an der Jenaer Universität, bei denen »Fichte von sich und seinen Lehren mit einer Anmaßung und Keckheit (sprach), in der er noch mehr durch den Beifall bestärkt ward, die ihm ein unbärtiges Auditorium verlieh, so dass er endlich glaube, der Welt ein großes Licht zu werden, wenn er einige seiner großwähnenden Ideen ihr zum Besten gäbe«.

Dass sich Aschers Bild von der Jenaer Studentenschaft, die kurz vor der Jahrhundertwende allzu begeistert Fichtes Ideen lauschte, noch zu seinen Lebzeiten verbesserte, darf bezweifelt werden. Schließlich war es die nächste Generation Jenaer Studenten, die die Urburschenschaft gründete und in der Folge auch die Bücherverbrennung auf der Wartburg 1817 zu verantworten hatte. Auch über den sogenannten Atheismusstreit, in dem sich das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach 1799 des unliebsamen Professors Fichte entledigte, ist Ascher informiert und beschreibt Fichtes Weg nach Berlin: »Er musste den Jenaischen Boden verlassen, den er durch seine Lehre zu heiligen glaubte. Berlin war immer der Ort, wo die gekränkte Geistesfreiheit einen Zufluchtsort fand«. Dass der »intellektuelle Glücksritter« Fichte in Berlin durchaus erfolgreich lehrte, lässt Ascher nicht gelten. Die Vorlesung über dessen »Wissenschaftslehre«, sein systematisches Hauptwerk, sei viel zu kompliziert für das Publikum aus »Gaffern, Horchern und Müßiggängern«. Der anschließende Vorlesungszyklus »Über das selige Leben«, in dem Fichte versuchte, die Kernaussagen der »Wissenschaftslehre« einem größeren Publikum bekannt zu machen, beschreibt er als einfachere Kost. Jedoch seien auch hier die Zuhörer*innen - nach Ascher »Elegante und Elegantinnen« - weggelaufen und hätten Fichte seiner Suche nach dem seligen Leben allein überlassen.

Reden an und für die Nation

Der Fichte-Artikel im »Kabinet« dürfte bereits 1806 entstanden sein, denn Ascher betrachtet abschließend Fichtes Vorlesungen »Über den Geist der Zeit« (gemeint sind die Vorlesungen »Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters«), mit denen Fichte auch »jetzt noch beschäftigt« sei. Bereits für die »Grundzüge« attestiert Ascher mit dem geflügelten Vers »homo sum et nihil humani a me alienum puto« (»Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd«), dass sich Fichte in Dinge einmische, die ihn nichts angingen, obwohl dort zumindest noch ein einheitliches Menschenbild beschrieben wird und in Rekurs auf Johann Gottfried Herder positive Eigentümlichkeiten und Pluralität verschiedener Ethnien herausgestellt werden. Doch die direkt anschließenden und konsekutiv zu verstehenden Vorlesungen Fichtes, bekannt als »Reden an die deutsche Nation«, sollten einen anderen Ton anschlagen. Dort wurde Ausschluss und Negation gefordert, Christentum und Deutschheit in eins gesetzt.

Die »Reden« stellen mit ihrem appellativen Charakter, der »an allen Orten deutsche Gemüther zu Entschluss und That entzünden« sollte, sich gegen Napoleon aufzulehnen, eine Zäsur gegenüber Fichtes vormaligen transzendentalphilosophischen Werken dar. Kernpunkt ist die nationalistische Konstruktion von »Deutschheit«, die aus genuin deutscher Sprache, Religion und Geschichte bestehe. Diese solle mit einer Nationalerziehung allen deutschen Jungen und Mädchen eine »Unterordnung aller selbstsüchtigen Triebe unter den Begriff des Ganzen« einprügeln, um »die deutsche Nation im Daseyn zu erhalten«. Dabei soll die höchste Form der Fichte’schen »Gelehrtenerziehung« allerdings lediglich Jungen vorbehalten sein. Fichte wähnte sich mit den »Reden« als intellektueller Prophet eines eschatologischen Daseinskampfes der deutschen Nation, die er - aufgrund angeblicher sprachlicher Überlegenheit und einer geschichtlich determinierten überlegenen Schöpfungskraft - als einzig mögliche Vollenderin der Französischen Revolution und Heilsbringerin des gesamten Menschheitsgeschlechts stilisiert. Unabdingbar dafür sei eine deutsche Religion: eine Fortführung der Reformation als »Weltthat des deutschen Volkes« für eine Befreiung der »höchst unsittlichen, und verdorbenen Gesellschaft«. Schnell wird deutlich, dass Jüdinnen und Juden hier keinen Platz haben.

Ascher konstatiert in der »Germanomanie«: »Christentum und Deutschheit war bald in eines verschmolzen; dies ist für den transzendentalen Idealisten und Identitätsphilosophen ein leichter Prozeß.« Dieses ausschließende Zusammenführen von Konfession und nationaler Identität sah Ascher als Rückschritt hinter die Errungenschaften der Aufklärung, mehr noch »in den Zeitgeist des Mittelalters (…), wo der Pfaffengeist seine Macht zu üben und das Feudalrecht sein Haupt emporzuheben vermochten.« Später wird Ascher noch deutlicher - in Anbetracht der Verbrennung seines Buches. In der »Wartburgs-Feier« erkennt er die für ihn ursprüngliche Intention des Protestantismus, Vernunft und Glauben zu versöhnen, als durch die Germanomanen pervertiert. So hatte auch Fichte bereits vor den »Reden« in seiner unvollständigen und nachgelassenen Schrift »Die Republik der Deutschen zu Anfang des zwei u. zwanzigsten Jahrhunderts unter ihrem fünften Reichsvogte« aus dem Frühjahr 1807 die Utopie eines »Religionsbekenntnisses der Deutschen«, eines überkonfessionellen »Christianismus« mit der »Bibel als Nationalbuch« dargelegt.

Der vornehme Antisemit

Fichtes Judenfeindschaft war zeit seines Lebens eine abstrakt-theoretische. Das ermöglichte ihm, im direkten Umgang mit Juden zurückhaltend zu sein und sich sogar gegen den Antijudaismus deutschtümelnder Burschenschaftler zu stellen, wie er es als Rektor der Berliner Universität in seiner Antrittsrede »Ueber die einzige mögliche Störung der akademischen Freiheit« tat. Dass der jüdische Medizinstudent Joseph Leyser Brogi, der zwei Mal Opfer tätlicher Angriffe durch christlich-burschenschaftliche Studenten geworden war, durch den Senat der Universität bestraft wurde, bewegte Fichte 1812 sogar dazu, als Rektor zurückzutreten. Brogi gründete 1816 unter anderem mit dem Marx-Lehrer Eduard Gans einen jüdischen Wissenschaftszirkel, um sich gegen die exemplarisch in Rühs’ und Fries’ Schriften widerspiegelnde Judenfeindschaft in akademischen Kreisen zu behaupten. Auch von einem Vulgärantisemitismus à la Clemens Brentano grenzte sich Fichte ab.

Als Brentano in der »christlich-deutschen Tischgesellschaft« sein Schmähgedicht »Der Philister in und nach der Geschichte« vortrug, antwortete Fichte am 18. Januar 1812 mit einem ironisierenden Gedicht in Knittelversen. Die »Tischgesellschaft« wurde von Achim von Arnim und anderen »Germanomanen« 1811 als nationalistisch-männerbündischer Gegenpart zu denen im Geiste der Universalität und Aufklärung, zudem häufig jüdisch oder weiblich geprägten Salons des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts gegründet. Fichte hatte augenscheinlich trotz solcher Auftritte wie dem von Brentano kein Problem damit, bis zu seinem Tode Mitglied und zeitweise Sprecher ebenjener Tischgesellschaft zu sein, die qua Satzung Juden - auch getaufte - ausschloss. So mag es wenig verwundern, dass auch sie zum Ziel von Saul Aschers Spott wurde. In mehreren Artikeln im »Morgenblatt für gebildete Stände« attestierte er den Mitgliedern der Gesellschaft, »eingefleischte transcendentale Idealisten« zu sein und mit ihrer Judenfeindschaft »wie Don Quixote gegen einen allgemeinen Feind auszuziehen, der gar nicht vorhanden ist, oder den sich ihr verbranntes Hirn als wichtig genug denkt, einen Strauß solcher Art gegen ihn zu beginnen.« Eine deutsche Nation, in der Juden eine gleichberechtigte Gruppe darstellen, ob nun getauft oder nicht, war für Fichte nicht vorstellbar, was sich mit den Zielen der Tischgesellschaft deckte.

Als Begründer einer neuen Ära des politischen Judenhasses in seinem Frühwerk und der sprach- und geschichtsphilosophischen Grundlagen sowie seiner Skizze zur germanomanen deutschen Nationalerziehung, ist es Johann Gottlieb Fichte, dem der Platz als Saul Aschers deutschtümelnder Intimfeind und oberster Germanomane gebührt.

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