»Unsere Mutter war eine tapfere Frau«

Vor 80 Jahren wurde die jüdische Kommunistin Edith Raphael von der Gestapo in Oslo verhaftet und später in Auschwitz ermordet. Ihre Kinder überlebten

  • Von Karsten Krampitz
  • Lesedauer: 15 Min.
In den Seegefechten vor der norwegischen Stadt Narvik erlitten die deutschen Besatzer 1940 erhebliche Verluste. Die Hoffnung auf eine Wendung des Krieges veranlasste Edith Raphael und ihre Familie eventuell, in Oslo zu bleiben. 1942 wurde sie dort von den Nazis gefangen genommen.
In den Seegefechten vor der norwegischen Stadt Narvik erlitten die deutschen Besatzer 1940 erhebliche Verluste. Die Hoffnung auf eine Wendung des Krieges veranlasste Edith Raphael und ihre Familie eventuell, in Oslo zu bleiben. 1942 wurde sie dort von den Nazis gefangen genommen.

Die Synagoge in der Levetzowstraße hatte im Krieg lange Zeit kaum Schaden genommen, wenngleich der Innenraum 1938 während der Novemberpogrome schwer beschädigt worden war. Die Nazis missbrauchten das Moabiter Gotteshaus, dessen Ruine später abgerissen wurde, als Sammellager. So auch am 27. Februar 1943, als in Berlin Tausende Zwangsarbeiter – jüdische Frauen und Männer – direkt in den Betrieben festgenommen wurden. Der damals 17-jährige Horst Selbiger, der die Shoa überlebte, erinnerte sich:

»Wir wurden mit rund 1500 bis 2000 Juden in die ehemalige Synagoge Levetzowstraße eingeliefert. Als wir dort von der SS sehr unsanft von den LKWs ausgeladen wurden, standen Frauen auf der Straße und klatschten Beifall. Innen bekamen wir die Transportmarken zur Deportation nach Auschwitz um den Hals. Wer so etwas erlebt, den Zug zur Gaskammer aus nächster Nähe gesehen und erlebt hat, den Tod vor Augen, bleibt ein Gezeichneter sein Leben lang. Wir vegetierten, Körper an Körper, im ausgeräumten Gebetssaal, der Empore und in anderen Räumlichkeiten der entweihten Synagoge. Die sanitären Verhältnisse waren unbeschreiblich. Und bei all diesem Zetern, Heulen und Zähneklappern traf ich meine Freundin Esther wieder. Mit vor Entsetzen aufgerissenen Augen, unfähig, all dieses Elend zu verstehen. Zwei Tage später, am 1. März, wurde mir Esther entrissen und mit insgesamt 1722 anderen Juden abtransportiert. Sie wurden von der Levetzowstraße zum Deportationsbahnhof Moabit in aller Öffentlichkeit durch die Straßen getrieben. Dann wie Schlachtvieh in die Güterwagen verladen, jeweils etwa 100 Personen. Und sie gingen auf eine traurige Fahrt in das Vernichtungslager Auschwitz. Wahrscheinlich wurde der gesamte Transport schon am 3. März ins Gas geschickt.«

Zu den Menschen, die an jenem Tag deportiert wurden, gehörte auch die 36-jährige Kommunistin und Jüdin Edith Raphael. Allerdings war sie nicht in Berlin festgenommen worden, sondern in Oslo, wohin sie vor den Nazis geflohen war. Edith Raphael ist heute vergessen, wie so viele Antifaschistinnen und Antifaschisten, die keine großen Funktionen innehatten und deren Widerstand wenig spektakulär war, die aber dennoch ermordet wurden. Sie hat erst ihr Leben verloren und dann ihren Tod. Der vorliegende Artikel erzählt die Geschichte dieser mutigen Frau, um ihr zumindest ihren Tod wiederzugeben.

Über die Tschechei nach Oslo

Der Historiker Bjarte Bruland, der zum Holocaust in Norwegen geforscht hat, sagt, dass Edith Raphael relativ früh in den Untergrund gegangen sei, mit Beginn der deutschen Invasion in Norwegen im April 1940: »Eine ihrer Aufgaben war es, für die Norges Kommunistiske Parti ausländische Radiosender abzuhören und Nachrichten schriftlich festzuhalten.« In ihrem Versteck lebte sie damals in einer Beziehung mit dem Kommunisten Hans Holm, einem anderen Flüchtling, der während der deutschen Besetzung für Hunderte gefährdete Menschen die Fluchthilfe organisierte. 

In den geheimen Lageberichten des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des SD in Norwegen vom Januar 1943 findet sich folgende Meldung: »Im Zusammenhang mit der Ende vergangenen Jahres durchgeführten Judenaktion waren eine ganze Reihe von Hilfsorganisationen entstanden mit dem Ziel, jüdische Männer und Frauen, die sich der Festnahme entzogen und sich irgendwo verborgen hielten, über die Grenze zu schaffen«. In dem Lagebericht heißt es weiter, es sei bemerkenswert, »dass an der Spitze einer solchen Hilfsorganisation für Juden der reichsdeutsche Emigrant Johannes Holm aus Hamburg stand, ein Kommunist, der seit Jahren illegal in Norwegen lebte«. Die bewegte Biografie des gelernten Dekorationsmalers Hans Holm, seines Zeichens Hamburger KPD-Mitbegründer und linker Verleger, der das Konzentrationslager Sachsenhausen überlebte, muss an anderer Stelle erzählt werden. Im Rahmen dieser Arbeit interessiert uns vor allem seine Erinnerung an Edith Raphael.

Der gemeinsamen Tochter Inger schrieb Holm viele Jahre nach dem Krieg ein liebevolles Porträt Edith Raphaels. »Deine Mutter« heißt es darin, »wurde am 8. August 1906 in Duisburg geboren«, als Edith Heumann. Ingers Großvater, ein Textilhändler, und auch die Großmutter seien in der Nazizeit umgekommen, ebenso wie ihre Mutter, die »im März 1943, also 36 Jahre alt, (…) mit vielen anderen Frauen im Vernichtungslager Auschwitz ermordet« wurde. Der Schilderung Holms zufolge war Edith Raphael seit dem November 1932 Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands, nachdem sie zuvor fünf Jahre der SPD angehört hatte. Aus ihren Erzählungen meinte sich Hans Holm zu erinnern, dass sie als Jurastudentin der späteren DDR-Justizministerin Hilde Benjamin geholfen habe, »Rechts- und Vertragssachen für die russische Handelsvertretung in Berlin zu bearbeiten«. Ihr Abschlussexamen aber, das 1933 anstand, habe Edith Raphael aufgrund ihrer jüdischen Herkunft nicht mehr ablegen dürfen. Mit ihrem damaligen Ehemann, dem KPD-Funktionär Kurt Raphael, flüchtete sie – damals hochschwanger – im Mai 1934 in die Tschechoslowakei, wo im selben Monat Ingers älterer Halbbruder Heinz, genannt Heini, zur Welt kam. Die Scheidung des Ehepaars sei bereits am 26. August 1938 in Prag erfolgt. Dort lebte Holm seit 1936 als Emigrant, wie er schreibt. »Da ist mir Edith nicht begegnet.« Einmal nur habe er mit Kurt Raphael zu tun gehabt.

Als in den Morgenstunden des 15. März 1939 deutsche Truppen in die »Rest-Tschechei« einmarschieren – die Slowakei wird »unter dem Schutz des Reiches« ein Satellitenstaat Hitlers –, müssen die deutschen Emigranten erneut fliehen. Ihnen bleibt nur der Weg über Polen, das sich selbst im November 1938 an der Zerschlagung der Tschechoslowakei beteiligt hatte, um unter anderem die mährisch-schlesische Kleinstadt Český Těšín zu annektieren. Nachdem Stalins Sowjetunion und die Moskauer Führung der Komintern dem »Versöhnler« Holm kein Asyl geben wollen, gleichwohl dessen Ehefrau und Kinder dort bereits Aufnahme gefunden haben, kommt Rettung von anderer Seite: aus Norwegen.

Die Nansenhilfe, eine Vorgängerorganisation der norwegischen Flüchtlingshilfe, erwirkte – noch rechtzeitig vor dem Überfall Deutschlands auf Polen – bei der Regierung in Oslo Einreisegenehmigungen für 200 Erwachsene und 60 Kinder. Zu den Menschen, die damals dank der Nansenhilfe vorerst vor den Nazis gerettet werden konnten, gehörte auch Edith Raphael mit ihrem fünfjährigen Sohn. Und glücklicherweise auch Hans Holm. Kurt Raphael war unterdessen von der Partei nach Schanghai geschickt worden, aber auch das ist eine andere Geschichte.

Nicht noch einmal fliehen

In seinen Erinnerungen für seine Tochter schreibt Hans Holm, dass er ihrer Mutter und ihrem Sohn das erste Mal im Sommer 1939 begegnet sei, in einem Ferienheim unweit von Oslo: »Es war von der ›Nansenhilfe‹ gemietet worden zur Unterbringung von neu angekommenen Emigranten, die sich dort einige Wochen erholen durften. Dann wurde uns, unseren Berufen entsprechend, von der Nansenhilfe Arbeit vermittelt.« Zur gleichen Zeit erfuhren sie vermutlich vom »Nichtangriffsvertrag zwischen Deutschland und der UdSSR«. Schon bald dürften sie im Radio gehört haben, dass die sowjetische Armee, ebenso wie zuvor die deutsche Wehrmacht, Polen überfiel. Und kurz darauf werden Edith Raphael und Hans Holm die Nachricht bekommen haben, vom »Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag«, unterschrieben am 28. September 1939. Wie heißt es im Recht? Pacta sunt servanda: Verträge müssen erfüllt werden! Wenn das »Vaterland aller Arbeiter«, die Sowjetunion, mit der Nazidiktatur in Freundschaft leben wollte – also mit einem System, das Menschen wie Edith Raphael und Hans Holm existentiell bedrohte –, warum sollten sie als Emigranten dann weiterhin Stalin und der Komintern die Treue halten?

Wir wissen nicht, welche Gefühle und Gedanken diese Nachrichten bei Edith Raphael und Hans Holm auslösten. In der Erzählung für seine Tochter berichtet Holm davon, dass beide sich zu diesem Zeitpunkt in Norwegen ein neues Leben aufbauten, ein neues Glück. Holm kam nach Oslo, wo er in seinem gelernten Beruf als Maler im Riks-Hospital Arbeit fand, zum Tariflohn, weshalb er sich ein möbliertes Zimmer leisten konnte. Und wie es das Schicksal wollte, kam auch Edith Raphael in die Hauptstadt, wo sie in einem Junggesellenheim am St. Olavplatz ein großes Zimmer bezog, mit Kochnische, Zentralheizung und Gemeinschaftsbad. Ihr Sohn Heini kam fürs erste in einem Heim für Kinder jüdischer Emigranten unter. Seine Mutter hatte sich einen kleinen Webstuhl besorgt, auf dem sie Mantelstoffe für ein exklusives Modehaus in Oslo fertigte. Sonntags kam Heini zu ihr, auch Hans besuchte sie. So gingen Edith und Hans mit dem Fünfjährigen wie eine kleine Familie in den Parks von Oslo spazieren. Doch der Krieg holte sie ein. Hans Holm erinnerte sich: »Am 9. April 1940 wurde Norwegen von den Nazis überfallen und besetzt. Wir sahen am Mittag vom Fenster der Wohnung St. Olavplatz die ersten deutschen Flugzeuge über die Stadt kreisen.« 

Aber es gab auch Hoffnung. In der Schlacht um Narvik sollte Hitlers Armee ihre erste Niederlage erleiden, gegen die Truppen der Alliierten. Der deutschen Kriegsmarine gingen zehn Zerstörer verloren und auch auf dem Land bahnte sich ein militärisches Fiasko an. Die zahlenmäßig unterlegene Wehrmacht, verstärkt durch die Überlebenden der versenkten Schiffe, musste sich aus der Stadt zurückziehen. Hitler hatte mit seinen Soldaten die Tschechei annektiert, Polen überfallen und damals schon halb Europa in Brand gesetzt – jetzt endlich zeigte sich: seine Armee war nicht unbesiegbar! Die Schlacht bei Narvik löste unter den Exilanten unvorstellbare Euphorie aus, wenngleich Oslo schon damals von den Deutschen besetzt war. Womöglich beschlossen Edith Raphael und Hans Holm aus dieser neuen Zuversicht heraus, dieses eine Mal nicht zu fliehen, sondern im Land zu bleiben und den norwegischen KP-Genossen bei der illegalen Arbeit zu helfen. Dabei war Edith Raphael doppelt bedroht: als Kommunistin und als Jüdin!

»Aufregende Zeiten«

Im Unterschied zu Dänemark hatte der König von Norwegen, Haakon VII., die deutsche Forderung nach Kapitulation abgelehnt. Seine Regierung und er flüchteten zunächst ins Landesinnere, von wo aus sie die Norweger zum Widerstand aufriefen, ungeachtet der fortdauernden Bombardierung norwegischer Städte durch Görings Luftwaffe. Am 10. Juni aber, nach 62 Tagen, kapitulierte die 6. norwegische Division und die militärischen Kämpfe fanden ein Ende. Tage zuvor hatten die Alliierten wegen der katastrophalen Lage in der Schlacht um Frankreich ihre Expeditionskräfte nach dorthin abgezogen. Der norwegische König und seine Regierung hatten auf einem britischen Kriegsschiff das Land verlassen, um in London eine Exilregierung zu bilden.

Edith Raphael und Hans Holm gelang es, unter falschen Namen in Oslo in der Lakkegata 17 eine 1,5-Zimmer-Wohnung anzumieten, »6. Etage mit Bad, einem herrlichen großen Balkon und Fahrstuhl«, schreibt Hans Holm in seinen Erinnerungen. Hier lebten sie nun als Ehepaar namens Olsen mit ihrem kleinen Sohn und erwarteten noch ein weiteres Kind, die am 22. September 1942 geborene Tochter Inger. Ihr sollte Holm viele Jahre später von dieser Zeit berichten: »Mutter webte weiter Modemantelstoffe. Ich montierte Verdunklungsgardinen, es war Krieg. Ein norwegisches Geschäft, Rubinstein, stellte ihre Firma zur Verfügung. Für Maler gab es in einer solchen Zeit nichts mehr zu tun. Mir kam sehr zu statten, dass ich fleißig norwegisch gelernt hatte.« Die Norwegische Kommunistische Partei war inzwischen illegal, und »alle Emigranten, die vor Hitler geflüchtet waren, mussten ein weiteres Mal in ein noch nicht von Faschisten besetztes Land, Schweden, emigrieren«. Hans Holm schätzte, dass es auch durch seine Hilfe gelang, etwa 600 Menschen über die Grenze zu bringen. Zu den Geretteten gehörte auch »Heini« (der nach dem Krieg nur noch Henry genannt werden wollte) und die Mädchen und Jungen des jüdischen Kinderheims. 

Aufregende Zeiten seien das gewesen, schreibt Holm an seine Tochter. »Jeder neue Treff barg die Gefahr des ›Hochgehens‹ in sich. Manche Nacht kam ich sehr spät zurück. Mutter war, obwohl schwanger, sehr tapfer. Sie hat nicht ein einziges Mal versucht, mich zu bewegen, mit dieser gefährlichen Arbeit Schluss zu machen.« Auch nicht als sie ins Krankenhaus musste, Nachbarn brachten sie hin. »Am nächsten Tag bei meinem Besuch in der Klinik hast du mich laut schreiend begrüßt. Unsere Mutter war glücklich über dich Schreihals und gesundheitlich wohl auf. Ja, nun waren wir zu viert.«

Hochgegangen

Heiligabend 1942. Hans Holm war auf dem Heimweg zur gemeinsamen Wohnung, als er vor dem Haus zwei ihm verdächtige Männer bemerkte. Dennoch ging er hinein und stieß auf einen dritten Mann. Weil er jetzt nicht mehr zurückkonnte, nahm Holm, wie er schrieb, »ohne eine Miene zu verziehen«, den Fahrstuhl, fuhr aber nur bis zur 4. Etage und lief den Rest die Treppen hinauf, wo ihm seine Lebensgefährtin berichtete, dass soeben zwei Männer dagewesen waren und nach ihm gefragt hatten. In dem Moment hörten sie den Fahrstuhl nach oben fahren:

»Blitzschnell wurde entschieden. Unsere Mutter sagte, versuche du über die Treppe wegzukommen, ich werde schon mit ihnen fertig werden. Das waren faktisch die letzten Sekunden, die wir uns sahen und sprachen. Ja, damals ahnten wir noch nicht, dass es das letzte Mal sein sollte. Unsere Mutter war eine tapfere Frau, sie blieb mit dir drei Monate altem Kind zurück, jeden Augenblick die Nazibanditen in der Wohnung erwartend.« Seiner Schilderung nach eilte Holm die Treppen hinunter und war zum Glück schon in der 3. Etage, als ihm einer der beiden Gestapoleute begegnete:

»Die linke Hand hatte er am Treppengeländer, die andere in der rechten Manteltasche, wahrscheinlich mit dem entsicherten Revolver in der Hand. Wieder (vergingen) einige entscheidende Sekunden. Der Mann fragte in einem schlechten Norwegisch, woher ich komme. Ich tue empört, verbiete mir die Anremplung auf der Treppe. Dann gab er sich zu erkennen. Ich verwies auf die Wohnung in der 4. Etage, die des Maurermeisters. Er forderte mich auf zu klingeln, was ich tat. Die Frau des Meisters öffnete die Tür halb. Ich ließ sie nicht zu Wort kommen und sagte auf Norwegisch: Dieser Mann belästigt mich hier auf der Treppe und will nicht glauben, dass ich von euch komme. Die Frau reagierte richtig und sagte: Nun dann komm doch herein. Ich fluchte laut und sagte: Ich muss weg und noch was in der Stadt besorgen. Dieser Auftritt muss recht echt gewirkt haben, ich durfte passieren. Der Gestapomann ging weiter nach oben. Ich musste mich beherrschen, dass ich nicht davonrenne, was aufgefallen wäre. Unten war die Luft rein, der andere Mann war im Fahrstuhl.« 

Statt seiner wurde Edith Raphael verhaftet und mit ihrem Kind, der drei Monate alten Inger, ins Konzentrationslager Grini gebracht, vermutlich mit dem Ziel, dort von ihr Informationen über Holm zu bekommen. Ob sie geschlagen und gefoltert wurde, wissen wir nicht. Denkbar ist es. Wenn die Männer der Gestapo schon zu diesem Zeitpunkt von der jüdischen Identität der Gefangenen gewusst hätten, hätten sie das Baby nicht zum Roten Kreuz gebracht. Als die Nazis wenig später das Kind zurückhaben wollten, hatten es schon die Antifaschisten vom norwegischen Widerstand in ihrer Obhut. Bis zur Befreiung wurde die kleine Inger in einem Kinderheim versteckt.

Nicht der letzte Gruß

Der Talmud sagt: »Wer ein Menschenleben rettet, dem wird es angerechnet, als würde er die ganze Welt retten.« An gleicher Stelle heißt es aber auch: »Und wer ein Menschenleben zu Unrecht auslöscht, dem wird es angerechnet, als hätte er die ganze Welt zerstört.« Dieses eine Menschenleben gehörte Edith Raphael. Aus den Transportlisten wissen wir, dass sie am 25. Februar 1943 mit dem Frachtschiff »Gotenland« deportiert wurde, gemeinsam mit weiteren 157 jüdischen Menschen, davon mehr als die Hälfte Frauen, aber auch 26 Kinder. Vom Osloer Hafen Filipstadkaia fuhr das Schiff nach Stettin, wo es keine direkte Zugverbindung nach Auschwitz gab. Noch am selben Tag schickte Adolf Eichmann ein Telegramm an die Stettiner Gestapo-Leitstelle und zur Information an die Leitstelle in Berlin. In dem Schreiben heißt es: 

»In Oslo werden am 26.2.43 etwa 160 Juden aus Norwegen eintreffen: Ich bitte diese Juden im Einvernehmen mit der Stl. Berlin nach Berlin zu ueberfuehren, wo sie geschlossen einem der naechsten Judentransporte nach Auschwitz angeschlossen werden. – Die Ueberstellung nach Berlin erfolgt zweckmaessig mit mehreren an einem Regelzug angeschlossenen Sonderwaggons, die bei der Reichsbahndirektion Stettin zu beantragen sind: Fuer entsprechende Bewachung bitte ich Sorge zu tragen.« Während ihrer Deportation hat Edith Raphael vermutlich drei Nächte im Sammellager in der Berliner Levetzowstraße verbracht.

Von den aus Norwegen deportierten Juden sind etliche Postkarten aus Auschwitz erhalten, die in Briefen geschickt wurden. »Die sogenannte Briefaktion« erklärt der Historiker Bjarte Bruland als Teil der Nazi-Todesmaschinerie: Die deutsche Propaganda habe damals nicht nur unterstellt, dass der Feind übertreibt, wenn er von deutschen Massakern und Morden in den Lagern berichtete. Sie setzte auf den sozialpsychologischen Mechanismus, wonach Menschen gewöhnlich dazu neigen, das Beste zu glauben und dabei das Schlimmste zu verdrängen. Edith Raphael gibt in ihrer Postkarte einer Freundin verschlüsselt Nachricht, dass man sich um Inger kümmern möge.

Dieser Gruß an ihre Lieben ist im jüdischen Museum in Oslo ausgestellt. Es war nicht ihr letzter Gruß. Im Osloer Holocaust Center findet sich noch eine zweite Karte mit der Bitte, für Inger zu sorgen. Absenderin der Karte war Nora Lustig; sie und ihre beiden Söhne hatten offensichtlich niemanden mehr, den sie aus Auschwitz grüßen konnten. In derselben Ausstellung liegt unter einer Vitrine das Poesiealbum von Nora Lustig. Kein Grabstein erinnert heute an sie, nur ein Büchlein mit geschenkten Versen.

Beide Postkarten sind mit der Ortsangabe Auschwitz auf den 3. März 1943 datiert – und haben noch mehr gemeinsam. Bjarte Bruland weist darauf hin, dass sie mit Bleistift geschrieben sind und die Schrift ziemlich ungleichmäßig ist, als seien sie »in aller Eile oder unter einem gewissen Druck geschrieben worden«. Der Historiker geht davon aus, dass die Frauen aus Norwegen damals sehr lange vor der Gaskammer gewartet haben.

Es gibt auch keinen Grabstein, der an Edith Raphael erinnert. In der Lakkegate 17 in Oslo, dem Ort der Verhaftung vor 80 Jahren, organisierte ihre Tochter 2014 eine Stolpersteinlegung. So hat Inger mit ihrer Familie die Trauerfeier nachgeholt, zu der auch Mädchen und Jungen aus dem jüdischen Kinderheim kamen, nunmehr schon sehr betagt, wie auch einige Nachkommen von Weggefährten ihrer Eltern. 

Jedes Jahr am 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, organisiert ein antifaschistisches Bündnis am Mahnmal Levetzowstraße eine Kundgebung. Im Anschluss wird die Demonstration den Weg nehmen, den damals Edith Raphael und all die anderen jüdischen Frauen, Männer und Kinder zu Fuß gehen mussten, unter den Blicken der Anwohner, hin zum Güterbahnhof Moabit an der Putlitzbrücke, von wo aus sie nach Auschwitz deportiert wurden. Und niemand wird mehr am Straßenrand Beifall klatschen.

Die Recherchen für diesen Text geschahen im Rahmen eines Projekts mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Teile der hier genannten und weitere Erinnerungen an das Sammellager in der Levetzowstraße finden sich im Internet auf der Seite www.ihrletzterweg.de.
Die antifaschistische Kundgebung am Mahnmal Levetzowstraße findet am 9. November 2022, um 18 Uhr statt.

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