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Dankbar für die Widersprüche

Vor 20 Jahren ist der Schriftsteller und Filmemacher Thomas Brasch gestorben

  • Von Erik Zielke
  • Lesedauer: 8 Min.

Aber bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin», lautet ein berühmt gewordener Vers von Thomas Brasch. 1981 war es - er befand sich bereits das fünfte Jahr im Westen, noch immer fremd im Land -, als sich in das Œuvre des Dramatikers und Prosaschriftstellers, des Dichters und Hörspielautors ein erster Spielfilm fügte, für den er Regie und Drehbuch verantwortete. «Engel aus Eisen» ist der Titel des als Kriminalgeschichte getarnten Gesellschaftsbildes, für das er Ulrich Wesselmann und Hilmar Thate in den Hauptrollen verpflichten konnte. Auch Katharina Thalbach, seine langjährige Lebensgefährtin, spielte mit. Seinen schwierigen Weg aus der DDR in die BRD, der die Folge von verwehrten Publikationsmöglichkeiten war, bestritt Brasch gemeinsam mit der aufstrebenden Schauspielerin.

Noch im selben Jahr sollte ihm der Bayerische Filmpreis für seine Leistung als Nachwuchsregisseur durch den Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß verliehen werden. Da stand Strauß, eine unverkennbare Erscheinung, gepresst grinsend. Brasch trat vor, die eine Hand in der Hosentasche, im unbestimmbaren Feld zwischen Kühnheit und empfindsamer Schüchternheit. Herr Brasch wolle eine Begründung abgeben, heißt es.

Am Pult angekommen, ist seine ruhige, sonore Stimme zu hören: «Der Umstand, dass ich diesen Preis aus den Händen des bayerischen Ministerpräsidenten, dessen politische Haltung der meinen entgegengesetzt ist, annehme, hat unter meinen Freunden zu Auseinandersetzungen geführt. Ich möchte hier erklären, warum ich die Annahme oder Ablehnung dieses oder jenes Preises für ein sekundäres Problem halte, hinter dem ein wichtigeres zutage tritt.»

Brasch ist jegliche Anbiederung zuwider. Und er sieht dafür auch keinen Grund. 1945 in England geboren, wo seine Eltern, jüdische Emigranten, dem Untergang des Faschismus hoffnungsvoll entgegensahen, wuchs er in der DDR auf. Das war ein Staat, den er mit Erwartungen verband. Sein Vater, Horst Brasch, wurde Parteifunktionär, und seine Karriere wurde nur angetastet durch die Rebellion der Söhne, des jung verstorbenen Schauspielers Klaus Brasch, des Autors Peter Brasch, bekannt geworden durch seine Werke für Kinder, und des ältesten Sohnes, Thomas. Letzterer neigte nicht zu Kompromissen. Und kompromisslose Kunst hatte es zuweilen schwer in Deutschland (Ost). Sein Protest gegen den Einmarsch der Staaten des Warschauer Pakts im frühlingshaften Prag des globalen Revolutionsjahres 1968 führte zum Übrigen.

Nun aber stand Brasch in München und setzte seine Rede fort, in der er die gesellschaftlichen Widersprüche - «zwischen dem Alten, das tot ist, aber mächtig, und dem Neuen, das lebensnotwendig ist, aber nicht in Aussicht» - und die des Künstlers - mit dem Geld des Staates zu arbeiten und den Staat anzugreifen - deutlich benennt. Er flicht, was an einem bayerischen Ministerpräsidenten unbemerkt vorbeigegangen sein dürfte, ein Zitat von einem gewissen Bertolt Brecht ein: «Die Widersprüche sind unsere Hoffnung.» Dieser Brecht mit seinem Anspruch, gesellschaftliche Verhältnisse erfahrbar zu machen und Kunst zu schaffen auf der Höhe der Zeit, war für Thomas Brasch sicher ein Vorbild. Und das gilt ebenso für eine von ihm praktizierte, wenn auch unter Künstlern erstaunlich unpopulär gewordene Methode zur Erlangung von Erkenntnis, die Dialektik genannt wird.

Brasch war hellsichtig genug, die Möglichkeiten der Kunst nicht zu überschätzen, und er war ambitioniert genug, nicht hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben zu wollen. Nicht die Auflösung eines Widerspruchs seien die Künste zu bewirken imstande, sondern «sie können sich ihm nur aussetzen, um ihn besser zu beschreiben». Letztlich brauche es dann aber die «Kräfte, die zur Abschaffung der gegenwärtigen Zustände beitragen, die keine menschenwürdigen sind».

So hat der Filmemacher, so hat auch der Schriftsteller Brasch gearbeitet. Ab Ende der 60er Jahren schrieb er vornehmlich für das Theater. Sprachgewaltige Texte und Formenexperimente versprachen ein großes künstlerisches Talent. Als Autor wollte er die gesellschaftliche Realität mit den politischen Ansprüchen der DDR abgleichen, sie auf den dramatischen Seziertisch legen. Nur wenige der Werke konnten zur Aufführung kommen. Wie so einige seiner Schriftstellerkollegen ging er den Umweg über die Kinderliteratur. Ein Band mit Gedichten, illustriert von Einar Schleef, konnte noch in der DDR erscheinen. Seinem Erzählband «Vor den Vätern sterben die Söhne» blieb das verwehrt. Brasch reiste aus gen Westen, allergisch gegen die politische Indienstnahme, die man dort probierte, und feierte mit dem Buch einen Erfolg.

Braschs mit Blick auf «Engel aus Eisen» in seiner Preisrede vorgetragene Bemerkung, dass die Kriminalität der urwüchsigste Ausdruck der Auflehnung sei, wurde durch die Anwesenden mit Entrüstung goutiert. Aber erst der schlichte, schöne Satz «Ich danke der Filmhochschule der DDR für meine Ausbildung» musste zweimal vorgetragen werden, damit er auch sicher zu verstehen war zwischen Buhs und Pfiffen und den damals mal wieder unter Konjunktur stehenden Rufen, doch nach drüben zu gehen.

Die 50 000 DM Preisgeld, das gibt Brasch zu, dem an Offenheit gelegen ist, könne er gut gebrauchen für seinen nächsten Film. «Domino», der nun explizit das Spannungsverhältnis der Künstlerpersönlichkeit und der Gesellschaft thematisiert, erscheint im Folgejahr. Mit «Mercedes», einer Verfilmung seines eigenen Theaterstücks, und dem gemeinsam mit Jurek Becker, einem weiteren ost-westlichen Grenzgänger, entwickelten «Der Passagier - Welcome to Germany» legt er in kurzer Zeit noch zwei weitere viel beachtete Spielfilme vor.

«Ich danke den Verhältnissen für ihre Widersprüche», brachte es Brasch zum Ende seiner Ansprache auf den Punkt. Das ist die knappe Poetologie des Künstlers, der unter gesellschaftlichen Verhältnissen arbeiten darf und arbeiten muss, die er nicht gewählt hat und deren Überwindung er vielleicht harrt.

«Und ich darf sagen, Herr Brasch, ich danke ihnen, dass sie sich als lebendiges Demonstrationsobjekt der Liberalitas Bavarica vorgestellt haben», setzte eifrig der halslose CSU-Politiker nach. Er selbst ist in diesem Moment zu einem ebensolchen Demonstrationsobjekt geworden. Es ist ein sehr westlich geprägter Freiheitsbegriff, der seine gedankliche Freizügigkeit herausposaunt und zugleich immer auf das letzte Wort besteht. Es ist keine Freiheit, die eine friedliche Koexistenz für möglich hält, sondern eine, die alles in sich vereinen will. Vernichtung mittels Inklusion, Leugnung der Widersprüche zum Zweck der Selbsterhaltung.

Die 70er und 80er Jahre waren für Thomas Brasch eine Zeit enormer Produktivität. Neben neuen Bühnenstücken versuchte er sich als Übersetzer. Auf die Übertragung der Dramen von Anton Tschechow ins Deutsche folgten seine Shakespeare-Übersetzungen, die bis heute gedruckt und gespielt werden. Dem Volksstückautor William Shakespeare verhalf er zu der kraftvollen und derben Sprache, die dem Original gerecht wird.

Die Zeitenwende der Jahre 1989/90 war auch für Thomas Brasch eine Zäsur. Wo waren sie plötzlich, die vertrauten Widersprüche aus Ost und West? Der Schreiber verstummte. Alkohol und Drogen boten eine Zuflucht. Nach Jahren der Abwesenheit machte er erst 1999 wieder von sich reden mit einem schmalen Band, «Mädchenmörder Brunke» überschrieben. Es handelte sich um ein Komprimat aus den gut 10 000 Seiten Material, das Brasch um seine abgründige Figur erschaffen hat. Bis heute ist es ein kleines literarisches Mysterium. Ist das vielleicht das Brasch’sche Opus magnum, ist das ein fast vollendetes Stück Weltliteratur, der Abgesang zum Ende der Geschichte? Oder war das ein Konvolut, dem der Autor selbst nicht mehr Herr werden konnte, das künstlerisch nicht mehr handhabbar war? Plötzlich erschien Brasch auch wieder auf den Spielplänen der Theater. Uraufführungen wurden angesetzt. Das Bild vom verstummten Schriftsteller war nicht mehr haltbar. Er hatte nie aufgehört zu schreiben. Der schnelle Tod durch Herzversagen riss ihn aus seiner Arbeit.

Sein Leben, sein Einspruch gegen die Verhältnisse im einen wie im anderen deutschen Staat, seine Existenz als künstlerischer Solitär sind ein aufregender Stoff, wie er wohl nur im 20. Jahrhundert entstehen konnte. Kein Wunder also, dass sein Wegbegleiter Klaus Pohl ihm schon vor Jahren mit dem Schlüsselroman «Die Kinder der preußischen Wüste» ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Ganz unverschlüsselt hat sich seine Schwester, Marion Brasch mit ihrem Buch «Ab jetzt ist Ruhe» der Familiengeschichte angenähert. Das diente wiederum als Vorlage für eine Verfilmung, die sich in eine kurze Reihe von dokumentarischen Auseinandersetzungen mit dem Lebensweg von Brasch fügt.

In der kommenden Woche läuft der Spielfilm «Lieber Thomas», basierend auf dem Drehbuch von Thomas Wendrich, in den Kinos an. Ob dieser Film dem reichen Leben gerecht wird und, noch wichtiger, dem Brasch’schen Anspruch, sich Widersprüchen auszusetzen, sie künstlerisch zu zeigen? Die Werbekampagne für den Film lässt eher den Schluss zu, dass man es mit der Präsentation von Eindeutigkeiten zu tun haben wird, wo es diese nie gegeben hat und wo es sie nie geben konnte.

Vor 20 Jahren ist Thomas Brasch, nur 56 Jahre alt, in Berlin gestorben. Es bleibt ein überwältigendes Werk: die existenzialistischen, formvollendeten Gedichte, spannungsreiche und kluge Filme, viel zu selten gespielte Theaterstücke, grausame Prosatexte, verstreute Schriften, unvollendete Werke. Es bleibt weiterhin eine Gesellschaft voller Widersprüche, die zu leugnen etwas feige, vor allem aber sehr dumm ist. Und damit bleibt vielleicht auch das: Hoffnung.

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